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"Kinder der Nacht – unangepasst und überwacht"

Sonderausstellung und Tag der offenen Tür in der Außenstelle Leipzig anlässlich des Wave-Gotik-Treffens

Die buntgemischte "Schwarze Szene" bevölkerte am Pfingstwochenende zum zweiten Mal die Außenstelle der Stasi-Unterlagen-Behörde in Leipzig. Die Außenstelle beteiligte sich mit einer Sonderausstellung zur DDR-Grufti-Szene mit dem Titel "Kinder der Nacht – unangepasst und überwacht" am Wave-Gotik-Treffen (WGT), zu dem sich jedes Jahr tausende Besucher aus der Szene in Leipzig einfinden.

Besucher in einem Archivraum mit den Säcken der zerrissenen Stasi-UnterlagenBesucher in einem Archivraum mit den Säcken der zerrissenen Stasi-Unterlagen Quelle: BStU / Ulrike Horak

Knapp 4.000 Besucher in der Außenstelle Leipzig

Neben zahlreichen Personen in ausgefallenen Gewändern, die anlässlich des Wave-Gotik-Treffens in Leipzig weilten, kamen auch normal gekleidete Besucher, die sich für die Vergangenheit der "Schwarzen Szene" und ihre Überwachung durch die Stasi interessierten. Im gesamten Haus, dem ehemaligen Sitz der Stasi-Bezirksverwaltung Leipzig, konnten Dokumente, Fotos und Zitate aus Stasi-Akten besichtigt werden. Musterakten, die zum Teil aus dem Vorjahr stammten, zum Teil neu gestaltet und um weitere Unterlagen ergänzt wurden, luden zum Lesen ein.

Insgesamt 3.919 Besucher besichtigten am Pfingstwochenende die Sonderausstellung, aber auch die anderen Exponate zur DDR und Stasi-Geschichte in der Außenstelle. Alleine am Tag der offenen Tür am 18. Mai besuchten 1.624 Menschen die Außenstelle Leipzig, um Ausstellungen und Archivräume zu besichtigen und verschiedene Veranstaltungen zu besuchen.

Impressionen vom Tag der offenen Tür
   
Besucherandrang bei den szenischen Lesungen

Besucherandrang bei den szenischen Lesungen Quelle: Ulrike Horak

Besucherandrang bei den szenischen Lesungen

Wegen des großen Interesses seitens der Besucher an den szenischen Lesungen, wurde spontan noch eine zusätzliche, vierte Lesung angeboten. Auch bei dieser zusätzlichen Lesung aus Stasi-Akten waren alle Plätze restlos belegt. Quelle: BStU Außenstelle Leipzig / Maximilian Schulz

Die Besucher versuchen auch von außerhalb des Raumes einen Blick auf die szenische Lesung zu erhaschen

Die Besucher versuchen auch von außerhalb des Raumes einen Blick auf die szenische Lesung zu erhaschen Quelle: Ulrike Horak

Besucherandrang bei der szenischen Lesung

Bei ihren szenischen Lesungen schilderten Silvia Voigt und Alexander Unger den wahren Fall eines "Gruftis" in der DDR. Dieser sollte durch die Stasi als Inoffizieller Mitarbeiter angeworben werden, um seinen Freundeskreis zu bespitzeln. Quelle: Ulrike Horak

Silvia Voigt und Alexander Unger bei einer ihrer szenischen Lesungen aus Stasi-Akten

Silvia Voigt und Alexander Unger bei einer ihrer szenischen Lesungen aus Stasi-Akten Quelle: Ulrike Horak

Auch der große Veranstaltungssaal war bei den Gesprächsrunden zum Thema Jugendsubkulturen und ihre Bespitzelung durch die Stasi bestens besucht

Auch der große Veranstaltungssaal war bei den Gesprächsrunden zum Thema Jugendsubkulturen und ihre Bespitzelung durch die Stasi bestens besucht Quelle: BStU Außenstelle Leipzig / Maximilian Schulz

Auch der große Veranstaltungssaal war bei den Gesprächsrunden zum Thema Jugendsubkulturen und ihre Bespitzelung durch die Stasi bestens besucht

Die Gesprächsrunden bezogen sich nicht nur auf das Thema "Gruftis" in der DDR, sondern auch auf andere Jugendsubkulturen der 80er Jahre, die die Stasi als "negativ-dekadent" bezeichnete. Quelle: BStU Außenstelle Leipzig / Regina Schild

Zwei Besucher informieren sich in einem Archivraum mit zerrissenen Stasi-Unterlagen über die manuelle und virtuelle Rekonstruktion der vorvernichteten Unterlagen

Zwei Besucher informieren sich in einem Archivraum mit zerrissenen Stasi-Unterlagen über die manuelle und virtuelle Rekonstruktion der vorvernichteten Unterlagen Quelle: Ulrike Horak

Besucherin in einem Archivraum mit den Säcken der zerrissenen Stasi-Unterlagen

Besucherin in einem Archivraum mit den Säcken der zerrissenen Stasi-Unterlagen Quelle: Ulrike Horak

Besucher in einem Archivraum

Besucher in einem Archivraum Quelle: Ulrike Horak

Besucherinnen vor einer Tafel der Sonderausstellung "Kinder der Nacht - unangepasst und überwacht"

Besucherinnen vor einer Tafel der Sonderausstellung "Kinder der Nacht - unangepasst und überwacht" Quelle: BStU Außenstelle Leipzig / Regina Schild

Besucher in der Außenstelle Leipzig

Besucher in der Außenstelle Leipzig Quelle: BStU Außenstelle Leipzig / Regina Schild

Besucher in der Sonderausstellung "Kinder der Nacht - unangepasst und überwacht" zur Grufti-Szene in der DDR

Besucher in der Sonderausstellung "Kinder der Nacht - unangepasst und überwacht" zur Grufti-Szene in der DDR Quelle: BStU Außenstelle Leipzig / Regina Schild

Auch andere Besucher nutzten den Tag der offenen Tür der Außenstelle Leipzig anlässlich des Leipziger Wave-Gotik-Treffens um in Musterakten zu lesen

Auch andere Besucher nutzten den Tag der offenen Tür der Außenstelle Leipzig anlässlich des Leipziger Wave-Gotik-Treffens um in Musterakten zu lesen Quelle: Ulrike Horak

Eine Besucherin und ein Besucher unterhalten sich über den Inhalt der Musterakten

Eine Besucherin und ein Besucher unterhalten sich über den Inhalt der Musterakten Quelle: Ulrike Horak

Besucher in einem der Archivräume beim Begutachten der Hinterlassenschaften der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Leipzig

Besucher in einem der Archivräume beim Begutachten der Hinterlassenschaften der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Leipzig Quelle: BStU Außenstelle Leipzig / Regina Schild

Die Ausstellung "Kinder der Nacht – unangepasst und überwacht" war in verschiedene Themengebiete unterteilt. Im großen Veranstaltungssaal erfuhren die Besucher Details über die musikalischen und dekorativen Vorlieben der "Gruftis". Interesse weckten dabei auch die Auszüge aus Akten des MfS, in denen es um sogenannte Ersatzdrogen ging. Nach Außen behauptete die DDR gerne, dass der SED-Staat völlig drogenfrei sei. Doch wie die recherchierten Dokumente belegen, brachten sich Jugendliche in der DDR mit Hilfe von Waschmittel, Fleckentferner und starken Schmerztabletten in rauschähnliche Zustände. Die Stasi wiederum versuchte, diese Drogenprobleme zu vertuschen, um den schönen Schein des drogenfreien SED-Staats aufrechtzuerhalten.

Unterwanderung der Grufti-Bewegung

Darüber hinaus beinhalteten die ausgestellten Stasi-Unterlagen statistische Daten über die zahlenmäßige Verbreitung der "Gruftis" in der DDR sowie zahlreiche anonymisierte Fotos von Personen, die der Grufti-Bewegung angehörten. Unterlagen der Stasi zur versuchten Unterwanderung und Zersetzung der Grufti-Szene in der DDR rundeten die Ausstellung ab.

Erstmals wurde in diesem Jahr der DEFA-Dokumentarfilm "Unsere Kinder" in voller Länge gezeigt. Das hatten sich viele Besucher im Vorjahr gewünscht, als der Film in Ausschnitten in der Außenstelle gezeigt wurde. Der Film versucht zu ergründen, warum Jugendliche in der DDR ihrem Land eine Kampfansage machten. Die Jugendlichen schildern dabei wiederholte Demütigungen, das herrschende Misstrauen und die ständige Kontrolle durch den Staat. Auch die szenischen Lesungen aus Stasi-Akten erfreuten sich großem Besucherandrang. In diesen Lesungen schilderten Silvia Voigt und Alexander Unger den wahren Fall eines "Gruftis" in der DDR, der vom Staatssicherheitsdienst als Inoffizieller Mitarbeiter angeworben werden sollte. Seine Aufgabe sollte es werden Jugendliche in seinem Umfeld zu bespitzeln, die ebenfalls der Grufti-Szene angehörten.

Die Besucher versuchen auch von außerhalb des Raumes einen Blick auf die szenische Lesung zu erhaschenDie Besucher versuchen auch von außerhalb des Raumes einen Blick auf die szenische Lesung zu erhaschen Quelle: BStU / Ulrike Horak

Wie die Stasi die Punk-Szene zersetzen wollte

Im großen Veranstaltungssaal erzählten zwei "Alt-Punker", wie sie die Überwachung und Bekämpfung ihrer Subkultur durch die Stasi erlebten. Wie auch in der Ausstellung zum Ausdruck kam, beruhten die alternativen Subkulturen in der DDR auf dem "Do-it-yourself-Prinzip". Die Trends kamen aus dem Westen, die damaligen Jugendlichen wussten selbst nicht so recht, was genau etwaige Bezeichnungen wie "Punk", "Grufti" oder "Skinhead" zu bedeuten hatten. Grenzen zwischen den Szenen, die für Jugendliche im Westen ganz klar waren, konnten in der DDR schnell verwischen. So verlor auch die Stasi schnell den Überblick über die unterschiedlichen Jugendsubkulturen. Doch gerade die Punk-Bewegung wurde in der DDR seitens der Stasi in einem kaum vorstellbaren Ausmaß mit IM durchsetzt.

Während der Fokus bei der ersten Gesprächsrunde mit Henryk Gericke, Alexander Nym und Alexander Pehlemann auf der Berliner Szene in den 80er Jahren lag, berichtete Maik Reichenbach in der zweiten Gesprächsrunde über die Entstehung von Subkulturen im Leipziger Raum. Dabei ging es in erster Linie um die Gründung verschiedener Punkbands wie "Wutanfall", "H.A.U." und "L'Attentat". "Die Politik stand anfangs völlig im Hintergrund" sagte Maik Reichenbach. Aber als er und viele seiner Freunde immer wieder Repressalien erlebten und sogar Haftaufenthalte in Kauf nehmen mussten, wandelte sich ihr Denken hinsichtlich ihrer unpolitischen Einstellung.

Auch andere Besucher nutzten den Tag der offenen Tür der Außenstelle Leipzig anlässlich des Leipziger Wave-Gotik-Treffens um in Musterakten zu lesenAuch andere Besucher nutzten den Tag der offenen Tür der Außenstelle Leipzig anlässlich des Leipziger Wave-Gotik-Treffens um in Musterakten zu lesen Quelle: BStU / Ulrike Horak

Verfolgung machte Jugendliche zu Staatsfeinden

"Die größte Angst für mich als Jugendlicher war immer die Vorstellung vom Knast", erinnerte sich Reichenbach. "Aber als ich dann einmal drin war und wusste, dass es mich nicht umbringt, war die Furcht gewichen." Auch Alexander Pehlemann bestätigte diese Aussagen: "Die Jugendlichen, die eigentlich vorrangig modische Interessen verfolgten, wurden in eine politische Dissidenz hineingedrückt, sie wurden im Grunde genommen erst zu Staatsfeinden gemacht." "Wir als Band hatten dann so einen "Jetzt erst recht"-Aktionismus, wir wollten nicht wegen Lappalien immer wieder aufgegriffen werden. Deshalb stellten wir Ausreiseanträge und schrieben dann auch dementsprechend staatsfeindliche Texte", beschrieb Maik Reichenbach die damaligen Umstände.

Erst nach der Friedlichen Revolution im Herbst 1989 erfuhren er und seine Bandmitglieder, dass ein guter Freund, ebenfalls Mitglied der Band "L'Attentat", ein langjähriger Spitzel der Stasi war. Neben diesen großen menschlichen Enttäuschungen, beschrieben die Gesprächsteilnehmer aber auch den großen Zusammenhalt, der sich städteübergreifend unter den Jugendlichen entwickelte. So konnte die Stasi trotz aller Anstrengungen die alternativen Szenen nicht zerschlagen.

Die Niederlage der Stasi zeigt sich besonders an Tagen wie denen während es WGT, wenn sich junge Menschen, die die Stasi einst verfolgt hätte, heute frei durch die ehemalige Zentrale der Geheimpolizei in Leipzig bewegen können. "Das Schöne ist" sagte Regina Schild, Leiterin der Außenstelle Leipzig, in Anbetracht der vielen Besucher, "dass es sich anfühlt, als würden sich die damals zu Unrecht von der Stasi als "negativ und dekadent" verurteilten Jugendlichen nun das Gebäude zurückerobern."

Mit Geocaching der Geschichte auf der Spur

In Sachsen werden Geocaches in verschiedenen Workshops erstellt. Das Projekt soll Geschichten aus den Stasi-Akten vermitteln. Ausführliche Informationen finden sie auf www.untoldstories.de.

Antragsformular

Hier können Sie sich den Antrag auf persönliche Akteneinsicht herunterladen.

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