Navigation und Service

Traumschiffe des Sozialismus?

Jeder fünfte Passagier war Stasi-Informant.

Zahlreiche Zuhörer strömten am Abend des 3. November 2011 in die Außenstelle Leipzig des BStU um einen Vortrag über die "Traumschiffe des Sozialismus" zu hören. Unter den Zuhörern waren auch ehemalige Passagiere von DDR-Kreuzfahrtschiffen sowie zwei ehemalige Seeleute, die in den 1960er bzw. 1970er Jahren auf der MS "Fritz Hecker" beziehungsweise der MS "Völkerfreundschaft" ihren Dienst auf hoher See versahen. Auch sie erfuhren Neues.

Das Traumschiff Arkona, als es noch in Diensten der DDR standDas Traumschiff Arkona, als es noch in Diensten der DDR stand Quelle: BStU, MfS, BV Rostock, AKG Nr. 847

Die Stasi spionierte die Passagiere schon im Vorfeld aus - um sicher zu gehen, dass keine Fluchtwilligen an Bord gehen. Über dieses "besondere Bestätigungsverfahren" informierte der Autor und Historiker Dr. Andreas Stirn im ersten Teil eines reich illustrierten Vortrags in der Außenstelle Leipzig des BStU. Seinen Recherchen zufolge überprüfte nicht nur die Stasi die Besatzungsmitglieder und möglichen Passagiere.

Neben einer strengen Überprüfung der Bewerber um einen Arbeitsplatz an Bord der Kreuzfahrtschiffe seitens des "VEB Deutsche Seereederei Rostock" (DSR) wurden potentielle Besatzungsmitglieder und Passagiere auch durch die so genannten "Abschnittsbevollmächtigten" (ABV) der Volkspolizei der DDR "aufgeklärt", um deren politisch-ideologische Zuverlässigkeit zu überprüfen. Die Intensität solcher Überprüfungen nahm in den 1970er und 1980er Jahren deutlich zu.

Prüfungs-Anweisung des MfS für potenzielle Passagiere der MS Arkona vom 30. Dezember 1985Prüfungs-Anweisung des MfS für potenzielle Passagiere der MS Arkona vom 30. Dezember 1985 Quelle: BStU, MfS, BV Lpz., Abt. XVIII, Nr. 00295/02, S. 75

Im zweiten Teil seines Vortrags stellte Dr. Andreas Stirn die Überwachung der Besatzungsmitglieder sowie der Passagiere an Bord der Schiffe in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Empfanden zwar viele DDR-Urlauber, die das Privileg hatten mit einem der Traumschiffe in See stechen zu dürfen, ihre Kreuzfahrt als unbeschwerten Urlaub, so blieben sie doch unter permanenter Beobachtung des Staatssicherheitsdienstes. So befand sich im Schnitt zeitweise ein Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi unter fünf Passagieren.

"Personen, die operativ genutzt werden können, bitten wir uns mitzuteilen"; Kontingentzuteilung für Schiffsreisen mit der MS Arkona für das Jahr 1989"Personen, die operativ genutzt werden können, bitten wir uns mitzuteilen"; Kontingentzuteilung für Schiffsreisen mit der MS Arkona für das Jahr 1989 Quelle: BStU, MfS, BV Lpz., KD Lpz.-Land Nr. 01566, S.13

Doch verhindern konnten die Spitzel der DDR-Geheimpolizei nicht jede Flucht. So gelang trotz aller Überwachungsmaßnahmen bis zur friedlichen Revolution im Jahre 1989 mehr als 200 Personen die Flucht von den "Traumschiffen des Sozialismus". Diese Zahl erfasste die für die DDR-Kreuzfahrtschiffe zuständige "Abteilung Hafen" der Bezirksverwaltung Rostock des MfS.

Dr. Andreas Stirn berichtete aber auch von gescheiterten Fluchten von DDR-Bürgern, die, nahe eines westlichen Ufers oder nahe unter westlicher Flagge segelnder Schiffe, von Bord der DDR-Urlauberschiffe springen wollten, um in die Freiheit zu schwimmen. Jene Urlauber, deren Fluchtversuch misslang, wurden anschließend durch DDR-Gerichte wegen versuchter Republikflucht zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

Reiseverweigerung durch das MfS in Leipzig für eine Pelznäherin aus Markkranstädt Anfang 1986Reiseverweigerung durch das MfS in Leipzig für eine Pelznäherin aus Markkranstädt Anfang 1986 Quelle: BStU, MfS, BV Lpz., KD Lpz.-Land, Nr. 00797, S. 65

Vom Ausmaß der Vorfeld-Überwachung und der Überwachung an Bord ahnten die beiden ehemaligen Seeleute, die nach dem Vortrag Fotos und ihr Seemannsbuch präsentierten, damals nichts.

Beide nahmen sich einen Antrag auf Akteneinsicht mit.

Alexander Hartmann

Termine

Alle Termine

Mit Geocaching der Geschichte auf der Spur

In Sachsen werden Geocaches in verschiedenen Workshops erstellt. Das Projekt soll Geschichten aus den Stasi-Akten vermitteln. Ausführliche Informationen finden sie auf www.untoldstories.de.

Antragsformular

Hier können Sie sich den Antrag auf persönliche Akteneinsicht herunterladen.

weiterlesen: Antragsformular …