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Protestanten im Kalten Krieg

Der Wittenberger Kirchentag zum Lutherjubiläum 1983

Das Verhältnis von Kirche und Staat in der DDR war von einem Machtkampf geprägt, der sich im Jahr 1983 in zwei konkurrierenden Jubiläen äußerte: den 100. Todestag von Karl Marx auf der einen und den 500. Geburtstag von Martin Luther auf der anderen Seite. Während die Sozialistische Einheitspartei (SED) den Philosophen eine Woche lang im Palast der Republik feierte, beging die evangelische Kirche ihr Jubiläum mit insgesamt sieben Kirchentagen in verschiedenen Städten der DDR. Die letzte Veranstaltung in dieser Reihe fand in Wittenberg von Donnerstag, 22. bis Sonntag, 25. September 1983 statt.

Marktplatz in Wittenberg mit Blick auf die Lutherhalle, das Lutherdenkmal und Stadtkirche.Marktplatz in Wittenberg mit Blick auf die Lutherhalle, das Lutherdenkmal und Stadtkirche. Quelle: BStU, MfS, BV Halle, KD Wittenberg, Nr. 134, Bl. 2 (Ausschnitt)

Die Feierlichkeiten unterlagen keinen grundsätzlichen staatlichen Restriktionen und wurden durch das DDR-Fernsehen wohlwollend begleitet. Jedoch wurde das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) auf den Kirchentag und seine Organisatoren angesetzt. Die Geheimpolizei versuchte über verschiedene Kanäle an Informationen zu gelangen und setzte Inoffizielle Mitarbeiter (IM) auf die verschiedenen Veranstaltungen an. Die Stasi wollte im unmittelbaren Umfeld der Kirche Informationen gewinnen. Dabei konzentrierte sie sich ab September 1982 auf die Organisatoren des Kirchentages. Dafür wurden Wanzen installiert, Telefone abgehört und die Post überwacht.

Die Staatssicherheit warb IM im Umfeld der Kirchenvertreter an und unterwanderte die an der Organisation beteiligte Ost-CDU. Genossen traten während der Tagung anonym als Agitatoren auf. Hierfür wurden unter anderem etwa 20 Jugendliche angeworben, die geschult wurden, um das Jugendzentrum Christuskirche zu unterwandern. Wir aus Berichten aus dem Stasi-Unterlagen-Archiv hervorgeht, war die Teilnahme von IM am Kirchentagskongress "Mit Luther im Gespräch" so massiv, dass einige Spitzel übereinander berichteten.

Um der staatlichen Kontrolle zu entgehen, deklarierten die Veranstalter im Programm diverse Aktionen als Zusatzveranstaltungen, die vorab nicht genehmigt werden mussten. So konnten verschiedene Programmpunkte stattfinden, für die es normalerweise keine Erlaubnis gegeben hätte. Dadurch konnte beispielsweise am Freitag ein Disputationsgottesdienst durchgeführt werden, in dem Streitgespräche Platz fanden. Auch die berühmte Aktion im Lutherhof, bei der Stephan Lau ein Schwert zu einer Pflugschar umschmiedete, war als Zusatzveranstaltung deklariert und fiel der Staatssicherheit erst sehr spät auf.

Bei der Hauptveranstaltung am Sonntag hielt unter anderem Richard von Weizsäcker eine Rede. Er betonte, dass Deutschland durch den christlichen Glauben geeint wäre und alle dieselbe Luft atmen würden. Die vergleichsweise wenigen Berichte dazu dokumentieren sehr genau die Reaktionen des Publikums. Darüber hinaus sorgten sieben unangemeldete Schriftbanner, die während der Veranstaltung von der Marktkirche herabhangen, für Verärgerung auf staatlicher Seite Klaus Gysi, Sekretär für Kirchenfragen, schätze rückblickend den Wittenberger Kirchentag als "schlimmsten" und "reaktionärsten" Kirchentag ein.

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