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Aufbegehren gegen die Stasi

Der Fall Thomas Kretschmer

Von seiner Begegnung mit der Staatssicherheit in der Untersuchungshaft berichtete der Bildhauer und Künstler Thomas Kretschmer aus Tegau in Thüringen. Im Rahmen der Geraer Museumsnacht 2015 führte Reinhard Keßler, Leiter der örtlichen Außenstelle des Stasi-Unterlagen-Archivs, mit ihm ein Zeitzeugengespräch. Stasi-Unterlagen dokumentieren Kretschmers Geschichte.

Thomas Kretschmer 1990 vor dem Eingang zum Stasi-Archiv in Gera.Thomas Kretschmer 1990 vor dem Eingang zum Stasi-Archiv in Gera. Quelle: BStU / Bley

Im Juni 1973 wurde der damals 17-jährige Thomas Kretschmer an der tschechoslowakisch-österreichischen Grenze festgenommen und wegen versuchter Republikflucht in die Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in Gera überstellt. Zu den Gründen seiner Flucht sagte Kretschmer, er wollte wie viele junge Leute "einfach nur raus" aus der Enge und Engstirnigkeit in der DDR.

Kretschmer machte damals eine Lehre als Krankenpfleger in Jena. Nach dem Abschluss sollte er zum Wehrdienst eingezogen werden, den er aus Glaubensgründen nicht antreten wollte. Die Umgebung, in der er sich nach seiner Verhaftung wiederfand, schockierte ihn. Anstelle einer Toilette gab es lediglich einen Kübel in der Zelle, morgens musste er sich einen Krug Wasser zum Waschen holen. Den Ton und das Verhalten der Wachen gegenüber den Gefangenen empfand er als furchteinflößend und respektlos.

Zwei Offiziere traten ihm jedoch freundlich und höflich gegenüber. Sie gaben ihm das Gefühl, ihn ernst zu nehmen. Zunächst sprachen sie über Bücher und sonstige Interessen, tauschten sich über Politik aus und wollten die Gründe für seinen Fluchtversuch erfahren. Nach mehreren Wochen solcher "Sondierungsgespräche" gaben sich die Offiziere als Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit zu erkennen. Sie machten ihm klar, was sie wirklich von ihm wollten: Er sollte sich langfristig als Inoffizieller Mitarbeiter verpflichten.

Die "Überzeugungsarbeit" der Stasi-Offiziere gipfelte, so Kretschmer, schließlich in einer offenen Drohung. Kretschmers fast 70-jähriger Vater hatte in einem Brief an seinen inhaftierten Sohn zu verstehen gegeben, von dessen Fluchtplänen gewusst zu haben. Diesen Brief übergab Kretschmers Anwalt den staatlichen Organen. Kretschmer berichtete, dass die Stasi-Offiziere ihn vor die Wahl stellten: Entweder er verpflichte sich zur Zusammenarbeit oder sein Vater werde als Mitwisser ebenfalls inhaftiert. Er unterschrieb die Verpflichtungserklärung.

Der Staatssicherheitsdienst hatte langfristige Pläne mit ihm. Kretschmer wollte Theologie studieren und katholischer Priester werden. In der katholischen Kirche besaß das MfS kaum Inoffizielle Mitarbeiter, die Beichte machte eine Konspiration fast aussichtslos. Deshalb sahen die beiden Offiziere eine große Chance in der Möglichkeit, die sich ihnen hier bot.

Mit dem jungen Kretschmer konnten sie sich ihren Inoffiziellen Mitarbeiter selbst heranziehen und künftig gezielt einsetzen. Das Vorhaben war auf die Zeit nach der Haft ausgelegt, es ging nicht primär um das Ausspionieren von Mitgefangenen. Damit sollte es aber anfangen. Kretschmer sollte vor allem kirchlich gebundene Mitinsassen bespitzeln. Mit dem Material wollte der Staatssicherheitsdienst Kretschmer erpressbar machen und an sich binden.

Diese Zusammenhänge erschlossen sich ihm aber erst später. Inzwischen hatte ihn die DDR-Strafjustiz zu einem Jahr und drei Monaten Haft verurteilt und die Verlegung in die Jugendstrafanstalt Ichtershausen angeordnet. Die Stasi-Offiziere suchten ihn auch dort auf. Nach seiner Volljährigkeit erneuerte er seine Verpflichtungserklärung.

Das Gefühl, das Kretschmer fortan beherrschte, war Scham: "Ich habe mir das lange nicht verziehen, dass ich das unterschrieben habe", erläuterte er beim Zeitzeugengespräch. Als er konkrete Aufträge erhielt, Mithäftlinge auszuspionieren, zu denen er eine persönliche Beziehung aufgebaut hatte, wusste er nicht weiter. Kretschmer berichtete, er habe in dieser Zeit Selbstmordgedanken gehegt. Aus dieser Situation heraus formulierte er Anfang April 1974 einen Brief, den er beim nächsten Treffen den Stasi-Offizieren übergab. Darin machte er klar, dass er nicht länger bereit sei, mit dem MfS zusammenzuarbeiten.

Kretschmer sagt heute, er habe diesen Brief als Befreiungsschlag empfunden. Obwohl er die Konsequenzen nicht abschätzen konnte, sei er erleichtert gewesen. Die Reaktion fiel drastisch aus. Einer der Stasi-Offiziere sei beim Lesen des Briefes regelrecht "ausgerastet", habe geschrien und getobt. Er habe Kretschmer gedroht, er käme "hier nie wieder raus". Die Exmatrikulation vom Theologiestudium lange nach seiner Haft sei, so Kretschmer, auf Intervention der Stasi erfolgt.

Thomas Kretschmer wurde am 16. September 1974 nach Verbüßung seiner Haft entlassen. Wieder in Freiheit erzählte er Freunden und Bekannten von seiner kurzzeitigen Verpflichtung. Die Offenheit nahm der Geheimpolizei die Macht über ihn. Die DDR verlassen wollte er allerdings nicht, denn er wollte in seinem Land etwas verändern.

Am 23. Januar 1992 hob der 5. Strafsenat des Bezirksgerichts Gera das Urteil vom 4. September 1973 gegen Thomas Kretschmer wegen versuchten ungesetzlichen Verlassens der DDR auf. Kretschmer ist damit rehabilitiert. Die Geschehnisse während seiner Haftzeit sind mit dem Urteil jedoch nicht ausgelöscht.

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