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Stasi-IM mit Professur belohnt

Aus zerrissenen Akten rekonstruiert: Der beispiellose Freundesverrat eines erfolgreichen Theologen

Der Vortragssaal der "Gedenkstätte Opfer politischer Gewaltherrschaft" in Frankfurt (Oder) ist gut besetzt als am Abend des 20. August 2013 Gesine Overkamp, Manfred Winter und Dr. Henning Frunder den Raum betreten. Die drei kennen sich seit Mitte der 1960er Jahre und sie verbindet ein gemeinsames Schicksal: Mit anderen wurden sie 1968 verhaftet und zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt, weil sie die DDR verlassen wollten.

Geschichtsstunde mit großem Zulauf: bei der IM-Debatte in Frankfurt (Oder) Geschichtsstunde mit großem Zulauf: Drei Stasi-Opfer rekonstruieren, wie sie von einem österreichischen Theologie-Studenten in Ost-Berlin verraten wurden. Quelle: BStU Außenstelle Frankfurt (Oder)

Sie alle wissen, wer sie damals an die Stasi verraten hat: ein IM namens "Thomas". Und sie kennen auch seine Identität. Es ist ein renommierter Theologe. Den Umfang des Verrats über mehr als 25 Jahre kennen die drei bis zu ihrem Zusammentreffen an diesem Abend noch nicht.

Manfred Winter hat bis zu seiner Pensionierung als Maskenbildner an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf gearbeitet. Gesine Overkamp ist Lehrbeauftragte an der Universität München und Henning Frunder ist heute Physiker. Er arbeitet freiberuflich in der Ausbildung von Personen, die im Bereich Strahlenschutz tätig werden.

Eingeladen hatte die drei Rüdiger Sielaff, der Leiter der BStU-Außenstelle Frankfurt (Oder). Dort wurde die zerschnipselte IM-Akte "Thomas" aufgefunden und rekonstruiert.

Mehr als 1.000 per Hand rekonstruierte Aktenseiten beschreiben einen Theologiestudenten österreichischer Staatsbürgerschaft, der ohne Skrupel und mit besonderer Heimtücke nicht nur diese Mitstudenten ins Gefängnis brachte.

Der IM "Thomas" war bei der Diskussionsrunde in Frankfurt (Oder) nicht anwesend. Er lebt mittlerweile in einem Pfarrhaus in Schweden. Auch zwei weitere Opfer seiner Spitzeltätigkeit konnten nicht mehr kommen. Ihr Leben endete früh durch Suizid.

Aus der Stasi-Akte des IM "Thomas". Aufgeführt sind die Namen von sechs Studenten, die aufgrund von Aussagen des österreichischen  Stasi-Informanten verhaftet wurden.Aus der Stasi-Akte des MfS-Informanten "Thomas". Aufgeführt sind die Namen von sechs Studenten, die aufgrund seiner Aussagen verhaftet wurden. Das Stasi-Kürzel IMF bedeutet "Inoffizieller Mitarbeiter mit Feindverbindungen". Quelle: BStU, MfS, BV Ffo, Abt. XX, 1552

Der Stasi-Spitzel "Thomas" arbeitete von 1965 bis zum Ende der DDR auf das engste verbunden mit dem MfS und "in unverbrüchlicher Treue" mit seinem Führungsoffizier der Abt. XX BV Frankfurt (Oder) zusammen. Der Lohn war schließlich eine Theologie-Professur an der Friedrich-Schiller-Universität Jena im Oktober 1988. Die Berufung wurde "durch die Hauptabteilung XX/4 operativ gestützt und ist ein langjähriger Wunsch des IM", heißt es in den rekonstruierten MfS-Dokumenten.

Briefe nicht transportiert, sondern verraten

Zu den Stasi-Akten des IM "Thomas" gehören zahlreiche Originalbriefe von DDR-Bürgern, die ihn baten, diese Post in Westberlin einzuwerfen, um der DDR-Postkontrolle zu entgehen. Doch was keiner von ihnen ahnen konnte - nun landete sie erst recht bei der DDR-Geheimpolizei Staatssicherheit. Die Briefe wurden 2012 in der Außenstelle Frankfurt (Oder) rekonstruiert. Einige Auszüge:

"Ich möchte behaupten, daß ich in meinem Leben nie einen wichtigeren Brief schrieb als den heutigen" schrieb Brigitte 1968 nach Gifhorn bei Hannover, ihr Schreiben vertraute sie dem jungen Mann aus Österreich zum Transport an. Und weiter: "Mein Brief wird persönlich einem Theologiestudenten (Österreicher) übergeben, der diesen Brief in Westberlin einsteckt. Aleksander kenne ich persönlich und an ihn… müßte das Geld überwiesen werden." Seinen auffälligen Vornamen Aleksander hatte sich der Theologiestudent selber gegeben.

An das "liebe Tante Gretchen" schrieb auch Bernd aus Jena am 26. Mai 1968 einen ähnlichen Brief. Darin schildert er intensive Probleme in der DDR, aber es gäbe einen Ausweg – "die erwähnte Flucht über Mauer oder Grenze. Wir sind zu jung, um uns erschießen zu lassen. Dieser Brief wird von einem Österreicher, der in Ostberlin Theologie studiert, in Westberlin abgeschickt. Aleksander ist ein guter Freund von mir. …".

Briefausriss: "Wir sind zu jung, um uns erschießen zu lassen. Dieser Brief wird von einem Österreicher, der in Ost-Berlin Theologie studiert, in Westberlin abgeschickt. Alexander ist ein guter Freund von mir...".Briefschnipsel, gefunden in den Stasi-Akten des IM "Thomas". Darin heißt es: "Wir sind zu jung, um uns erschießen zu lassen. Dieser Brief wird von einem Österreicher, der in Ost-Berlin Theologie studiert, in Westberlin abgeschickt. Aleksander ist ein guter Freund von mir...". Quelle: BStU, MfS, BV Ffo, Abt. XX, 1567

Auch Gesine verfasste einen Brief mit ähnlichen Gedanken. Er sollte in Freilassing ankommen. Und der Medizinstudent Siegfried schrieb ebensolche Zeilen an seinen Onkel Rudolf nach Hammelburg, der Anlass: Zuvor hatte er Besuch vom MfS bekommen. "Auf Grund aktiver antikommunistischer Arbeit in einer illegalen Studentenorganisation bin ich vor die Wahl gestellt worden, dem Staatssicherheitsdienst Informationen zu liefern oder bedingungslos exmatrikuliert zu werden. Mit anderen Worten, ich soll meine Kommilitonen denunzieren und ein Leben lang das Zwangsregime hier unterstützen."

Siegfried blieb nur die Flucht. Er glaubte, dass der Fluchtplan "zu 90 %" gelinge. Auch seinen Brief gab er Aleksander mit, der dieses Vertrauen grob missbrauchte.

Freundesverrat mit bitteren Folgen

Denn Aleksander aus Österreich fertigte am 10. Juli 1968 einen "Bericht über die Studentengruppe aus Jena, die geplant und vorbereitet hat, die DDR illegal zu verlassen!".

Noch am gleichen Tag erfolgte die Verhaftung von Gesine Overkamp, geb. Eichborn, Henning Frunder, Martin Winter sowie der anderen Mitglieder der Studentengruppe. Im gleichen Jahr (1968) wurde auf der ausschließlichen Grundlage der IM-Berichte von "Thomas" auch Walter L. verhaftet und verurteilt.

Siegfried, der Medizinstudent, und Bernd, ebenfalls Student der Medizin wurden zu drei Jahren und acht Monaten Gefängnis verurteilt. Gesine Overkamp erhielt ein Jahr und acht Monate Gefängnis, der Physikstudent Henning Frunder und der Maskenbildner Manfred Winter mehr als zwei Jahre.

 BStU-Außenstellenleiter Rüdiger Sielaff (m.) zeigt Henning Frunder und Gesine Overkampf zusätzlich gefundene Bestandteile aus der Akte des IM "Thomas", die derzeit rekonstruiert werden. BStU-Außenstellenleiter Rüdiger Sielaff (m.) zeigt Henning Frunder und Gesine Overkampf zusätzlich gefundene Bestandteile aus der Akte des IM "Thomas", die derzeit rekonstruiert werden. Quelle: BStU Außenstelle Frankfurt (Oder)

Nach der Verhaftung der Studentengruppe veranlasste die Stasi alles Notwendige, um den IM "Thomas" auch im Rahmen der Verhöre, Prozesse und Verurteilungen unverdächtig erscheinen zu lassen: Den Angeklagten wurde suggeriert, "dass die Schreiben zwar die Adressaten nicht erreicht haben, dass sie aber durch den … (IM) nach Westberlin gebracht worden sind." (BStU, MfS, BV Gera, AU Nr. 1145/69, S. 17 und 27)

Insbesondere das hartnäckige Leugnen des IM und die Tatsache, dass er bis heute kein Wort des Bedauerns fand und sich "kaum erinnern" könne, haben die drei Gäste bewogen, sich als Zeitzeugen zur Verfügung zu stellen. "Man kann erst seine innere Zufriedenheit und Ruhe finden, wenn alles geklärt ist und man die Zusammenhänge begreifen kann", sagt Henning Frunder.

Was sie dann im Vortrag erfahren, berührt sie sichtlich. Doch sie bilanzieren auch: "Uns hat das sehr geholfen. Aber es gibt noch tausende andere Opfer, die eine offene Wunde im Herzen tragen."

Aus- und Wiedereinschleusung von "Thomas" – diesmal als Schwede

Unmittelbar nach der Verhaftung der Jenaer Studenten wurde "Thomas" am 26.07.1968 sicherheitshalber von der Stasi über den Grenzübergang Friedrichstraße nach Westberlin "ausgeschleust". "Die Ausschleusung verlief ohne Zwischenfälle." Um auszutesten, ob wegen der Verhaftung der Jenaer Studenten ein Verdacht auf ihn gefallen war, schrieb "Thomas" an diverse Personen in der DDR. Die Stasi vermerkte: "Von den meisten dieser Personen hat der IM Antwort erhalten". Es gab aus Sicht der Staatssicherheit also keinen Hinweis darauf, dass er dekonspiriert sein könnte.

Unmittelbar vor seiner überstürzten Ausreise erhielt IM "Thomas" Extrageld für den "Kauf von Schuhen und Koffer". Die Quittung ist datiert vom 25.7.1968, am Folgetag reiste "Thomas" aus.Unmittelbar vor seiner überstürzten Ausreise erhielt IM "Thomas" Extrageld für den "Kauf von Schuhen und Koffer". Die Quittung ist datiert vom 25.7.68, am Folgetag reiste "Thomas" aus. Quelle: BStU, MfS, BV Ffo, Abt. XX, 1547, S. 25

Nach der aktuellen Aktenlage sieht es so aus, dass "Thomas" anschließend auf Vorschlag des MfS einen ständigen Wohnsitz in Schweden wählte. Die Stasi erarbeitete einen Plan für sein Einleben im schwedischen Lund. Studien- und Wohnmöglichkeiten, Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten sollten ergründet werden, um eventuellen Widersprüchen in seiner Legende vorzubeugen.

Nun wurde "Thomas" auch in der Nutzung des Agenten-Funks unterwiesen. Die Stasi bezahlte das Leben des IM "Thomas" sowohl in Schweden als auch bei vielen Auslandsaufenthalten.

So wurde er während verschiedener Aufenthalte in der Volksrepublik Polen finanziell unterstützt, "damit er nicht durch Geldumtausch o. ä. zu stark das Interesse anderer Personen erweckt". Gleichzeitig erhielt er einen entsprechenden Betrag in Westmark, um die erforderlichen Anschaffungen sowie seinen Lebensunterhalt in Schweden bestreiten zu können."

Insgesamt dürfte IM "Thomas" im Laufe seiner fast 25-jährigen Tätigkeit für das Ministerium für Staatssicherheit viele tausend DM an Vergütung bekommen haben. Darüber hinaus wurden nicht unerhebliche Summen in Mark der DDR gezahlt. In den Akten befinden sich Belege in großer Anzahl dafür.

Als IM nicht schlecht bezahlt: Von IM "Thomas" unterschriebene Quittung über 700 Westmark - ein Vermögen in der DDRAls IM nicht schlecht bezahlt: Von IM "Thomas" unterschriebene Quittung über 700 Westmark - ein Vermögen in der DDR Quelle: BStU, MfS, BV Ffo, Abt. XX, 1547

Vom Theologiestudenten zum Universitätsprofessor in der DDR

Zwei Jahre später sah das MfS keine Gefahr mehr für eine Dekonspiration von "Thomas". Er reiste wieder in die DDR ein. Nun als Schwede. Seine Opfer saßen derweil noch in DDR-Gefängnissen ihre Haftstrafen ab. Er dagegen konnte sich mit Stasi-Hilfe eine Karriere aufbauen, mit bevorzugten Ein- und Ausreisebedingungen, die ebenso in seiner Stasi-Akte dokumentiert sind.

Vom 15. Februar 1989 stammt eine Einsatz- und Entwicklungskonzeption für den IMB "Thomas". Sie ist unterzeichnet von Oberstleutnant Heinig, BV Frankfurt (Oder).

Darin heißt es: "Thomas ist als zuverlässiger, ehrlicher und überprüfter IM einzuschätzen, der sich fest an das MfS gebunden fühlt. [Er] wird als international bekannter Gelehrter eingeschätzt und ist Mitglied der 'Königlich Schwedischen Akademie'. Mit Wirkung vom 1.10.1988 erfolgte die Berufung des IM zum … (?) Professor für Systematische Theologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena (wurde durch die Hauptabteilung XX/4 operativ gestützt und ist ein langjähriger Wunsch des IM …)."

"Thomas" sollte nunmehr in die kirchliche Hierarchie der Thüringer Landeskirche integriert werden und pfarramtliche Rechte erhalten. "Die perspektivische Einsatzrichtung des IMB ‚Thomas’ erfolgt in enger Abstimmung mit dem Leiter der Hauptabteilung XX/4 Oberst Wiegand …".

 Sogar seine Fach-Literatur bekam der Theologe IM "Thomas" von der Stasi bezahlt Sogar seine Fach-Literatur bekam der Theologe IM "Thomas" von der Stasi bezahlt Quelle: BStU, MfS, BV Ffo, Abt. XX, 1547, S. 14

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte "Thomas" hunderte von Botschaften an Deckadressen in Frankfurt (Oder) versandt, häufig auf Postkarten, die sich ebenfalls zerrissen in seinen Stasi-Akten wiederfanden. Außerdem traf er sich regelmäßig in Schöneiche (KO "Habicht"), in Berlin-Weißensee (KW "Wesel"), in Leipzig, in Halle oder auch in Swinemünde oder Stettin mit seinen Führungsoffizieren und lieferte hunderte von Informationen.

1984 schrieb er in die Gubener Straße nach Frankfurt (Oder) an seine Deckadresse "Elli": "Die Sache mit Jena oder Halle müßte mit aller Energie vorangetrieben werden. In Jena wartet ein gewisser XY auf seine Chance. Denn der Lehrstuhl von XX ist immer noch nicht besetzt … Wenn dies erst der Fall ist, schauen wir wieder hinterher, wie in Greifswald. … Ich bitte Dich deshalb ganz inständig, sobald als möglich einmal nach Jena und Halle zu fahren, um die Sache an Ort und Stelle zu begutachten. …Ihr alle wisst ja, daß ich immer die DDR als mein eigentliches Vaterland angesehen habe. … Für Euch alle die besten Grüße aus Schweden …".

Elli war zu diesem Zeitpunkt 81 Jahre alt und lebte im Altenheim! Die Zeilen galten seinem Führungsoffizier.

Vielfacher Verrat

Von Beginn an erfüllte der IM konkrete Aufträge der Stasi, berichtete aber zunehmend von sich aus. Immer wieder gewann er das Vertrauen von Mitstudenten … und missbrauchte es: "Vor einigen Tagen kam G. mit 4 Briefen zu mir und bat mich, diese in Westberlin in den Briefkasten zu werfen. … Er tat dabei sehr geheimnisvoll."

Auch diese Briefe – es sind nicht die Briefe der später verhafteten Jenaer Studentengruppe – liefert "Thomas" unmittelbar an seinen Führungsoffizier ab. G. hatte bereits vier Jahre im Gefängnis gesessen und studierte nun seit einem Jahr in Jena Theologie.

Über Jahre hinweg ging er bei einem Westberliner Ehepaar ein und aus – und berichtet auch von dort detailliert, was er in Erfahrung bringen konnte an das MfS.

Er suchte den Kontakt zu Menschen und Institutionen in Westberlin, die DDR-Bürger ausschleusen wollten – und verriet seine Erkenntnisse prompt.

Notizen für eilig anberaumten Treff mit IM "Thomas" am 11. März 1969 um 23 Uhr. Die Nachricht wurde per Funk übermittelt.Notizen für eilig anberaumten Treff mit IM "Thomas" am 11. März 1969 um 23 Uhr. Die Nachricht wurde per Funk übermittelt, als IM "Thomas" zeitweise den Eindruck hatte, in Schweden enttarnt worden zu sein. Quelle: BStU, MfS, BV Ffo, Abt. XX, 1529, S. 40

Nach der Verhaftung eines Flüchtlings (die ausschließlich auf Grund seiner Informationen erfolgte) besuchte er im Auftrag des MfS dessen Ehefrau Marianne, "um Näheres über die Inhaftierung des Walter XY in Erfahrung zu bringen".

Einige seiner Informationen wurden unmittelbar an Mielkes Stellvertreter weitergeleitet: Im Dezember 1972 hieß es in einer Mitteilung des Leiters der BV Frankfurt (Oder) an den 1. Stellvertreter des Ministers, Genossen Generalleutnant Beater: "Als Anlage überreiche ich Ihnen eine Information, die von einem IM erarbeitet wurde, der als österreichischer Staatsbürger gegenwärtig in Schweden als Student tätig ist. Bei seinem letzten DDR-Aufenthalt hat er in unserem Auftrag seinen früheren Bekannten (XY), SPD, jetzt einer der persönlichen Referenten des Westberliner Bürgermeisters Schütz, aufgesucht. Die Information beinhaltet die aktuellen Probleme, die bei dieser Unterhaltung … geäußert wurden."

Für die Stasi fotografierte der IM umfangreich Motive aus seiner Heimatstadt Lund und berichtete zwischenzeitlich ausführlich über die Universität Lund, deren Professoren sowie Strukturen und Organisationen. Im Mittelpunkt standen Theologen, aber auch der Fachbereich Politologie. Über deren profiliertesten Vertreter schrieb er: "Ein Jude, der anarchistischen Tendenzen nachhängt, ist antisozialistisch eingestellt und bezeichnet das sozialistische System in der UdSSR als moderne Sklaverei."

IM "Thomas" beendete sein Studium der Theologie erfolgreich. Er promovierte und habilitierte sich in Schweden. Die Stasi schlug vor, ihn zukünftig "entsprechend seiner theologischen-wissenschaftlichen Ausbildung" im Operationsgebiet einzusetzen, idealerweise in "einem international wirkenden Kirchengremium". Umfassend berichtete er von nun an aus Kirchenkreisen:

  • Im September 1985 erfuhr die Stasi von "Thomas" Interna aus einem Gespräch mit einem Erzbischof aus Schweden. Es ging um die Stellenbesetzung der schwedischen Kirche innerhalb internationaler Gremien. Am 28. August 1986 traf er sich im Restaurant Prag in Berlin mit Professor B., um wiederum seine Berufung zum Professor zu befördern. Am gleichen Tag berichtete er über einen Pfarrer der Viktoriagemeinde in Berlin-West.
  • Am 29. Oktober 1986 berichtete er zur aktuellen Situation in Schweden nach dem Mord an Olof Palme.
  • Als er Ende Oktober 1986 in der Bundesrepublik weilte, stellte er fest, dass Werner Stiller ein Buch herausgegeben hat und informiert die Stasi dazu. Ein Vorabdruck war in der Welt erschienen. Einen Tag später war er im Konsistorium der Landeskirche Berlin-Brandenburg in der Bachstraße zu Gast und berichtete hierüber.
  • Am 22. April 1988 berichtete er über ein Treffen mit dem Erzbischof von Schweden in dessen Arbeitszimmer.
  • In Göttingen traf er sich im Oktober 1988 mit dem ehemaligen Sekretär des schwedischen Erzbischofs. Er sollte in eine Studie über die Kirchen Osteuropas eingebunden werden. Danach traf er sich prompt mit seinem Führungsoffizier. "Beim Treff äußerte der IM, das[s] er eine Entscheidung nur nach Konsultation mit den Genossen des MfS treffen wird, um nicht an einem zweifelhaften Projekt teilzunehmen."
  • Im Januar 1989 sprach "Thomas" sich mit der Stasi bezüglich eines Besuches an der Universität Göttingen ab. Danach beauftragte ihn die Stasi, mit Landesbischof Leich verbindlich seine Teilnahme als Gast an den Landes- und Bundessynoden zu verabreden. Unter der Legende der Lehrtätigkeit in Jena führte er im Auftrag der Stasi auch eine Fahrt nach Berlin-West zum Pressesprecher der evangelischen Kirche durch.

Auftragszettel der Stasi für den DDR-Zoll: "Avisierung einer Ausnahmeentscheidung". Der einreisende IM soltel nicht kontrolliert werden und wurde vom Mindestumtausch befreit.Auftragszettel der Stasi für den DDR-Zoll: "Avisierung einer Ausnahmeentscheidung". Der einreisende Spitzel, in diesem Fall IM "Thomas", sollte nicht kontrolliert werden und wurde vom Mindestumtausch befreit. Quelle: BStU , MfS, BV Ffo, Abt. XX, 1529

Nach der Wiedervereinigung bewarb sich IM "Thomas" erfolgreich um eine Professur für Systematisch-Ökumenische Theologie und Ethik(!) in Halle. Doch schon bald nach seinem Dienstantritt im Sommersemester 1993 stieß der Berliner Pfarrer Dietmar Linke bei Recherchen für ein Buch auf eine Stasi-Karteikarte, die auf den frisch gekürten Professor als einstigen IM "Thomas" deutete. Es war ein erster Hinweis. Daraufhin verließ "Thomas" 1995 die Fakultät wieder und ging zurück nach Schweden. 2011 nahm eine schwedische Historikerin seine Spur wieder auf, schwedische Journalisten recherchierten weiter. "Ich war nie Spion und habe meines Wissens nie etwas mit der Stasi zu tun gehabt. Ich habe nichts zu bekennen und zu bereuen", sagte er ihnen zunächst in einem Interview, relativierte dies aber später.

Die nun aufgetauchten Akten über Professor Dr. Aleksander Radler alias IM "Thomas" und seine Opfer führen eine lehrreiche Geschichte über die Skrupellosigkeit von Verrat vor Augen. Und darüber, wie sehr es sich lohnen kann, vorvernichtete Stasi-Unterlagen zu rekonstruieren.

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