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Verklebte Fenster

Couragiertes aus einer Mühlhausener Stasi-Akte

Die Außenstelle Erfurt bietet ein neues Veranstaltungs-Format an: "Stasi-Akte spezial". Im Anschluss an eine Archivführung wird ein Aktenbeispiel näher erläutert. Zum Auftakt am 4. November 2014 stand ein außergewöhnlicher Fall von Zivilcourage im Mittelpunkt: Eine operative Personen-Kontroll-Akte (AOPK) mit dem Vorgangsnamen "Sonne". Der Ausgangspunkt: der Antrag eines Familienvaters auf Ausreise aus der DDR.

Ein Ehepaar aus Mühlhausen in Thüringen hatte jahrelang erfolglos Ausreiseanträge gestellt. Im Jahr 1984 machte es mit einer ungewöhnlichen Maßnahme auf sein Anliegen aufmerksam. Die Familie löste ihren Haushalt auf, packte sämtliche Gardinen ihrer Wohnung in Koffer und beklebte die Fenster mit Zeitungspapier. Daraufhin startete die Stasi eine OPK gegen die "hartnäckigen Übersiedlungsersuchenden" mit dem Ziel der Verhinderung weiterer "Demonstrativhandlungen" und der "Zurückdrängung" ihres Ausreisewunsches.

Ausschnitt aus einem "Übersichtsbogen zur operativen Personenkontrolle"  mit dem Decknamen "Sonne" vom 15.10.1984. Vier Spitzel werden von der der Stasi-Kreisdienststelle Mühlhausen auf  Familie X angesetzt.Ausschnitt aus einem "Übersichtsbogen zur operativen Personenkontrolle" mit dem Decknamen "Sonne" vom 15.10.1984. Vier Spitzel werden von der der Stasi-Kreisdienststelle Mühlhausen auf Familie X angesetzt. Das Ziel: "die Zurückdrängung vom Übersiedlungsersuchen". Quelle: BStU, MfS, BV Erfurt, AOPK, Nr.1770/85, Seite 5

Der Familienvater wurde zur Innenbehörde zitiert. Dort hielt man ihm vor, dass sich viele Bürger über den Anblick seiner Fenster beschweren würden und forderte ihn auf, das Papier schnellstens wieder abzunehmen. Würde diese Forderung nicht erfüllt, sei mit behördlichen Zwangsmaßnahmen zu rechnen. Außerdem gab man dem Ehepaar zu verstehen, dass es auf diese Weise keinerlei Aussicht auf Ausreise in die Bundesrepublik hätte.

Selbstbewusst den Protest verteidigt

Doch in dieser Aussprache gab der Familienvater nicht nach und verteidigte seine Fenstergestaltung mit einer Gewitztheit, dass es die zuständigen Funktionäre zur Weißglut getrieben haben dürfte. Ein Ausschnitt des Gesprächs mit dem Abteilungsleiter Inneres beim Rat des Kreises Mühlhausen:

Abteilungsleiter Inneres: "Es gibt Beschwerden aus der Bevölkerung, in denen die Verärgerung darüber zum Ausdruck gebracht wird, dass Sie die Fenster Ihrer Neubauwohnung mit Papier verkleben. Diese Beschwerden kommen zumeist von solchen Leuten, die momentan noch in schlechterem Wohnraum leben müssen, als Sie ihn gegenwärtig nutzen. Bitte geben Sie mir einmal eine Antwort darauf, was Sie mit einem derartigen Verhalten bezwecken?"

Antragsteller: "Dass sich die Leute darüber beschweren, dass wir die Fenster unserer Wohnung mit Papier bekleben und bei diesen Leuten andere Ansichten bestehen, was man sich ins Fenster hängt, ist ihr gutes Recht. Deswegen können diese Bürger aber nicht erwarten, dass wir dies akzeptieren. Uns gefällt das und das können Sie uns nicht widerlegen".

Abteilungsleiter Inneres: "Nein, dass will ich Ihnen auch nicht widerlegen, ich sage Ihnen nur Folgendes: Es gibt Leute, die sich freuen, in einer AWG-Wohnung zu wohnen, und dann gibt es noch solche wie Sie, die die Scheiben ihrer Wohnung einfach mit Papier bekleben".

Antragsteller: "Wo steht denn das, dass man unbedingt Gardinen an die Fenster hängen muss. Nennen Sie mir ein Gesetz, wo das drin steht".

Abteilungsleiter Inneres: "Bisher hatten Sie doch Gardinen dran, Herr..".

Antragsteller: "Ja bisher, aber die haben wir mittlerweile in unsere Koffer eingepackt...".

"Der Staat lässt nicht mit sich spielen..."

Unbeirrt blieb der Antragsteller dabei, dass er und seine Familie "in die BRD wollen, weil wir uns hier nicht mehr wohl fühlen". Auch im weiteren Gesprächs-Verlauf gab er nicht klein bei, obwohl ihm regelrecht gedroht wurde: "Wir lassen uns das von Ihnen nicht bieten. Der Staat lässt nicht mit sich spielen".

Ausschnitt aus dem Protokoll einer halbstündigen Aussprache mit dem Übersiedlungsersuchenden Herrn X und einem Vertreter der Abteilung Inneres in MühlhausenAusschnitt aus dem Protokoll der halbstündigen Aussprache mit dem Übersiedlungsersuchenden (Name geschwärzt) und einem Vertreter der Abteilung Inneres in Mühlhausen. Quelle: BStU, MfS, BV Erfurt, AOPK, Nr. 1770/85, Seite 185

Die Standhaftigkeit des selbstbewussten Antragstellers führte letztendlich zum Erfolg. Entnervt formulierte die Stasi-Kreisdienststelle Mühlhausen im Oktober 1984 einen "Übersiedlungsvorschlag".

Ausreise zwei Monate später

So durfte die Familie nur zwei Monate nach dem denkwürdigen Verhör in den Westen ausreisen, da sie aus Stasi-Sicht einen zu großen "Unsicherheitsfaktor" darstellte. Die Staatsorgane waren es offenbar leid, sich mit solch gewitzten Personen weiter herumärgern zu müssen. "Demonstrativ-provokatorische Handlungen" und "aggressives Reagieren" warf das MfS der Familie in seinem Abschlussbericht vor.

Binnen Jahresfrist nach der Ausreise schloss das MfS die OPK "Sonne". Dies geschah allerdings nicht ohne zuvor noch die postalischen bzw. telefonischen Kontakte der beiden Eheleute aus dem Westen in die DDR "aufzuklären".

Bei der Veranstaltung der Außenstelle Erfurt des BStU wurde das komplette Protokoll dieser mutigen Schwejkiade verlesen und gab vielfach zum Schmunzeln Anlass.

Die Besucher der Veranstaltung Stasi-Akte-Spezial in der BStU-Außenstelle ErfurtDie Besucher der Veranstaltung "Stasi-Akte-Spezial" in der BStU-Außenstelle Erfurt Quelle: BStU Außenstelle Erfurt

In der anschließenden Diskussion waren sich die Zuhörer in der Bewertung einig, dass eine gewisse Zivilcourage und Standhaftigkeit gegenüber einer diktatorischen Willkürbehörde durchaus zum Erfolg führen kann. Aber auch über die Risiken wurde debattiert. DDR-Innenbehörde und Stasi hätten das mutige Ehepaar empfindlich bestrafen können. Denkbar sei es beispielsweise gewesen, dass das MfS den Eltern zeitweise ihre Kinder entzog und in ein Heim steckte. Solche Härte habe es in vergleichbaren Fällen oft gegeben.

 

Stasi Mediathek

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Antragsformular

Hier können Sie sich den Antrag auf persönliche Akteneinsicht herunterladen.

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