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Westfernsehen für alle

Die Erpresserbriefe der "Gruppe Volkszorn"

Die Drohung im Sommer 1984 war unmissverständlich: Innerhalb der nächsten vier Monate sollte endlich auch in Dresden der störungsfreie Empfang von Westfernsehen für alle möglich sein, ansonsten würden Sprengstoffanschläge durchgeführt. Erstes Ziel der Erpresser, der "Gruppe Volkszorn", sollte sich die Regierung dieser Forderung verweigern, war der Dresdner Fernsehturm, ein weithin sichtbares Wahrzeichen der Stadt und beliebtes Ausflugsziel.

Ausschnitt aus dem ersten Erpresserbrief der "Gruppe Volkszorn": "Wir drohen mit Gewalt / Einsatz einer Arbeitsgruppe / Bereits zum Sprengen"Ausschnitt aus dem ersten Erpresserbrief der "Gruppe Volkszorn" Quelle: BStU, MfS, BV Dresden, AOV, Nr. 3189/87, Bd. 1, Bl. 17 (Ausschnitt)

Erster Drohbrief

Adressiert war diese Forderung vom 9. Juli 1984 an niemand geringeren als an den Staatsrat der DDR, dem formellen Staatsoberhaupt. Dort ist das Schreiben jedoch nie angekommen, war es doch im Rahmen der obligatorischen Postkontrolle durch die Abteilung M der Stasi schon vorher abgefangen und sichergestellt worden. Aufgrund der Schwere der angekündigten Tat befahl Gerhard Neiber, Stellvertretender Minister für Staatssicherheit und Mielkes rechte Hand, dass die Federführung in diesem Fall der Abteilung XXII (Terrorabwehr) obliegen sollte. An einen Scherz mochten die Ermittler der Staatssicherheit jedenfalls nicht glauben. Von Anfang an ging das MfS von einer reellen Gefährdungslage aus.

Der Absender, der aus mehreren Artikeln verschiedener Zeitungen zusammengepuzzelten Botschaft, war die so genannte "Gruppe Volkszorn". Die umgehend veranlassten kriminaltechnischen Untersuchungen des Briefes zeigten, dass Briefpapier und -umschlag handelsübliche DDR-Produkte waren, frei von Fingerabdrücken oder besonderen Prägungen. Klebstoff und genutzte Schablone zum Schreiben der Buchstaben waren ebenso Massenware.

Das verwendete Material lieferte also keine Anhaltspunkte, die taugten, um den oder die Täter ausfindig zu machen. Allerdings konnten die jeweiligen Zeitungen und konkreten Ausgaben ermittelt werden, die Grundlage für den Erpresserbrief gewesen sind. In Frage kamen also alle Abonnenten, die sowohl die eine als auch die andere Zeitung bezogen. Diese Schlussfolgerung war dem Leiter der Bezirksverwaltung Dresden, Generalmajor Horst Böhm, jedoch zu wenig. Er kritisierte die ungenügende analytische Arbeit seiner Offiziere und mahnte an, sich nicht auf den bloßen Zufall zu verlassen.

Zweiter Drohbrief

Weil die Frist verstrich und sich erwartungsgemäß nichts an den Empfangsmöglichkeiten westdeutschen Rund- und Fernsehfunks verbessert hatte, erneuerte die "Gruppe Volkszorn" ihre Drohung. Dieses Mal war sie an den Fernsehfunk in Berlin-Adlershof adressiert. Um die eigene Entschlossenheit zu unterstreichen, wurden auf die Liste der möglichen Anschlagsziele u.a. Intershops, Postämter, das Lenindenkmal und das Hotel Bellevue in Dresden gesetzt.

Kurz vor dem Eintreffen der neuen Drohung hatte die Stasi unterschiedliche Verdachtsrichtungen ausgelotet. Wohnhäuser, in denen aktiv und wiederholt über Empfangsmöglichkeiten von Westfernsehen diskutiert worden war, gerieten ebenso unter Verdacht, wie Personen, die in Besitz einer Sprengerlaubnis waren. Außerdem überprüften die Geheimpolizisten frühere Fälle auf Parallelen zur aktuellen Vorgehensweise. Aufgrund dieser Rasterfahndung geriet ein Mann ins Visier, auf den gleich mehrere Verdachtsmomente zutrafen.

Er hatte eine so genannte Antennengemeinschaft unterstützt und war aktiver Altpapiersammler, was ihn theoretisch in die Lage versetzte, Zugang du den genutzten Zeitungen zu haben. Außerdem nutzte er ähnliches Schreibmaschinenpapier wie es die "Gruppe Volkszorn" verwandt hatte. Darüber hinaus wollten die Geheimpolizisten in seiner früheren Tätigkeit für den VEB Polygraph eine Verbindung erkannt haben.

Das Kombinat war im papierverarbeitenden Maschinenbau tätig. Weil der Absender auf dem Briefumschlag mit Graf angegeben worden war, vermuteten die Stasi-Offiziere einen Zusammenhang, denn (Poly)Graph und Graf sind phonetisch identisch. Eine ähnliche Argumentationsstruktur lag dem vermeintlichen Hinweis zugrunde, dass die Absenderadresse Knorr lautete und die Ehefrau des Verdächtigen in der Schnorrstrasse arbeitete.

Kleinste Anhaltspunkte genügten

Weitere Gedankenkonstrukte gingen in eine ähnliche Richtung: Die Geheimpolizisten stellten sich die Fragen, wer die Vokabeln "Volkszorn", "Maß voll" oder "Objektliste" gebrauchte. Könnte "Graf" in irgendeiner Weise in einem Zusammenhang zu "Schloß" stehen? Wies das Datum des zweiten Briefes eine historische Dimension auf oder ist es bloßer Zufall, dass es auf den Vorabend der Oktoberrevolution fiel? Außerdem war jeder verdächtig, der sich für Zeitungsapplikationen interessierte. Ein weiterer Mann wurde verdächtigt, weil dessen Frau in der Anton-Graff-Straße arbeitete. Sogar das Programm eines Kabaretts wies in dieser Logik gleich mehrere Verdachtsmomente auf.

Exzessive Suche

Die Ermittlungen hatten immer weitere Kreise gezogen. Dazu Stasi nutzte ihr gesamtes geheimpolizeiliches Repertoire. Es wurden Postsendungen kontrolliert, Telefone abgehört, Arbeitsplätze und Wohnungen konspirativ durchsucht und Inoffizielle Mitarbeiter abgefragt. Doch anstatt den Kreis der Verdächtigen einzuengen, weitete sich dieser immer mehr aus. Ein lancierter Zeitungsartikel, der die "Gruppe Volkszorn" aus der Reserve locken sollte, erwies sich nutzlos. Auch die Annahme, die Erpresser würden ihrer Forderung telefonisch Nachdruck verleihen, erwies sich als falsch. Am Ende überprüfte die Staatssicherheit 1.800 Personen.

Die Stasi legte alle Unterlagen zum Fall im Operativvorgang "Turm" ab. Die Akte summierte sich auf zehn Bände mit 3.000 Seiten. Einer oder mehrere Täter konnten durch die Staatssicherheit dennoch nie ermittelt werden. Alle Ermittlungsrichtungen erwiesen sich früher oder später als Sackgassen. Bis auf die beiden Briefe gingen keine weiteren Aktionen von der "Gruppe Volkszorn" aus. Weil die "umfangreichen Fahndungsmaßnahmen" nicht zum Ziel führten, gab die Stasi die Suche nach den Tätern auf. Frustriert ob der eigenen Erfolglosigkeit wurde der Vorgang im November 1987 zu den Akten gelegt. Eine der größten Überwachungsaktionen in Dresden zeigt eindrucksvoll, dass auch die Allmacht der Staatssicherheit bisweilen an ihre Grenzen stoßen konnte.

Der operative Vorgang "Turm" wurde am 30.07.2015 im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Geschichten aus den Stasi-Akten" vorgestellt.

Stasi Mediathek

Stasi-Akten online lesen: www.stasi-mediathek.de

Mit Geocaching der Geschichte auf der Spur

In Sachsen werden Geocaches in verschiedenen Workshops erstellt. Das Projekt soll Geschichten aus den Stasi-Akten vermitteln. Ausführliche Informationen finden sie auf www.untoldstories.de.

Antragsformular

Hier können Sie sich den Antrag auf persönliche Akteneinsicht herunterladen.

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