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Der Stasi-Schatten über dem "Dresdner Hof"

Die Kontrolle von DDR-Devisenhotels begann lange vor ihrer Eröffnung

Die Überwachung von Hotels mit internationalem Publikum war für die DDR-Geheimpolizei ein besonderer Arbeitsschwerpunkt. Schon bei der Personalauswahl wurden Schlüsselstellen mit Informanten der Staatssicherheit besetzt und bereits in der Bauphase wurden Maßnahmen getroffen, operative Überwachungstechnik in den Hotelbauten zu verstecken.

In der Außenstelle Dresden des BStU fanden sich jetzt Stasi-Unterlagen aus der Planungsphase des dortigen Interhotels "Dresdner Hof". Das postmoderne Hotel wurde am 26. Januar 1990 eingeweiht, zwei Monate nach dem Mauerfall.

Das Interhotel "Dresdner Hof" nach der Fertigstellung im Januar 1990.Das Interhotel "Dresdner Hof" nach der Fertigstellung im Januar 1990. Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-1990-0125-013 / Fotograf: Ulrich Häßler

Die vorliegenden Stasi-Unterlagen stammen aus den Jahren 1987 bis 1989. Damals wurde vorgesehen, das Devisenhotel am 1. Februar 1990 zunächst für einen Probebetrieb zu öffnen um es anschließend noch einmal vom 12. bis 14. Februar zwecks "Revision" zu schließen, offenbar auch zur Feinjustierung von eingesetzter Stasi-Operativtechnik.

Dazu heißt es im nachfolgend abgebildeten Schreiben eines Stasi-Oberleutnants vom 20. September 1989: "Durch meine Abteilung wird gesichert, daß für die Abteilung VIII die erforderlichen Arbeitsmöglichkeiten für konspirative Maßnahmen über den Aktionszeitraum 13. Februar gewährleistet sind":

Konzeptionspapier der Stasi vom 20.9.1989 zur Eröffnung des Interhotels "Dresdner Hof"Konzeptionspapier der Stasi vom 20.9.1989 zur Eröffnung des Interhotels "Dresdner Hof" Quelle: BStU, MfS, BV Dresden, Abt. VI 5425, Seite 1_Q12

Für alle Interhotels waren damals solche Schließtage üblich, an denen allein das MfS Zugang zum Hotel erhielt, um Stasi-Technik zu warten oder neu zu installieren, ohne dass dies von Gästen oder Personal bemerkt werden konnte. So wurden beispielsweise über den Eingängen aller großen Devisenhotels in der DDR Kameras installiert, deren Bild direkt in die MfS-Zentrale nach Berlin geschaltet werden konnte und einzelne Zimmer waren verwanzt. Für die Wartung mussten sich Stasi-Techniker landesweit mit einheitlichen Codesätzen an der Rezeption vorstellen, in der Hoffnung dort auf MfS-Kontaktleute zu stoßen. Zeitweise lautete einer dieser Erkennungsparolen: "Ich habe ein Problem mit meiner Uhr".

Leerrohrsystem für Stasikabel

Schon die Bauplanung wurde von der Stasi beeinflusst, die darauf achten musste, dass für Abhörleitungen, Kamerakabel und eigene Telefonleitungen gesonderte Verbindungswege freigehalten wurden. In einer handschriftlichen Stasi-Notiz aus Dresden ist diesbezüglich von einem erforderlichen "Leerrohrsystem" die Rede um die "operativ technische Sicherung bestimmter Zimmer realisieren zu können":

Handschriftliche Stasi-Notiz über die Einrichtung von "Leerrohren" um die "operativ technische Sicherung bestimmter Zimmer realisieren zu können".Handschriftliche Stasi-Notiz über die Einrichtung von "Leerrohren" um die "operativ technische Sicherung bestimmter Zimmer realisieren zu können". Quelle: BStU, MfS, BV Dresden, Abt. VI 5593 Teil 2, Seite 128_Q8

Das damals neu errichtete "Interhotel Dresdner Hof" und spätere "Hilton" An der Frauenkirche 5 wurde in der Zeit von 1986 bis 1990 errichtet und mit westlicher Hilfe vornehmlich für West-Touristen konzipiert. Das Projekt war wegen seiner Dimension, der zentralen Lage in Dresden und dem Einsatz von ausländischen Arbeitskräften von vorrangiger Bedeutung für die DDR-Geheimpolizei.

Wohnheim unter Stasi-Kontrolle

Für den Bau des Hotels wurden unter anderem ein West-Berliner Architekt und die schwedische Firma ABV Stockholm beauftragt, diese brachte schwedische, italienische, jugoslawische und Arbeitskräfte aus der Bundesrepublik mit in die DDR. Um deren Kontakt zu Ost-Bürgern zu verhindern, wurden sie durch die Staatsicherheit ständig überwacht. Aus diesem Grund beschäftigten sich vorrangig die Abteilungen VI (Passkontrolle und grenzüberschreitender Verkehr) und VIII (Observation und Ermittlung) mit diesem Dresdner Hotel-Projekt. Nicht nur die Baustelle, sondern auch das Wohnheim der ausländischen Arbeitnehmer wurde unter Stasi-Kontrolle gestellt:

Stasi-Notiz über Wohnheimüberwachung "zum rechtzeitigen Erkennen und Bekämpfen von Erscheinungen der politisch-ideologischen Diversion"Stasi-Notiz über Wohnheimüberwachung "zum rechtzeitigen Erkennen und Bekämpfen von Erscheinungen der politisch-ideologischen Diversion" Quelle: BStU, MfS, BV Dresden, Abt. VI 5164, Seite 2_Q1

Vor allem der Kontakt der ausländischen Arbeitskräfte zu Frauen aus der DDR war der Stasi ein Dorn im Auge, denn viele von ihnen machten nicht nur gemeinsam Urlaub, sondern äußerten häufig auch die Absicht zu heiraten. Der gemeinsame Wohnort sollte dann meist das NSW sein und die Stasi war bemüht, dies zu verhindern. So wird von einem MfS-Hauptmann "bei der Paßkontrolle" eines schwedischen Staatsbürgers festgestellt, dass dieser bereits eine Zusage für eine Tätigkeit beim "Hotelneubau in Dresden" habe und eine entsprechende Heirat plane. "Hinsichtlich einer möglichen Zurückdrängung" weist der verfassende Unterleutnant auf "den Altersunterschied zwischen H. und der DDR-Bürgerin" hin:

Bei der Passkontrolle festgestellte Heiratsabsicht eines schwedischen Staatsbürgers, der auf der Hotelbaustelle eingesetzt werden sollBei der Passkontrolle festgestellte Heiratsabsicht eines schwedischen Staatsbürgers, der auf der Hotelbaustelle eingesetzt werden soll Quelle: BStU, MfS, BV Dresden, Abt. VI 4405, Seite 75_Q2

Aber nicht nur die ausländischen Bauarbeiter waren für die Staatssicherheit von großem Interesse. Vor allem die Auswahl der künftigen Mitarbeiter des Dresdner Hofs wurde zum Schwerpunkt geheimpolizeilicher Arbeit. Alle personellen Entscheidungen im neuen Interhotel wurden ausschließlich nach umfangreicher Überprüfung durch das MfS getroffen. Dabei wurden nicht nur die Bewerber an sich, sondern auch ihr gesamter Familien- und Bekanntenkreis mit "Überprüfungsanträgen" auf Verlässlichkeit aus Stasi-Sicht gecheckt.

Überprüfungsauftrag für als Hotelmitarbeiter infrage kommendes Personal Überprüfungsauftrag für als Hotelmitarbeiter infrage kommendes Personal aus dem April 1989 Quelle: BStU, MfS, BV Dresden, Abt. VI 5162, Seite 13_Q10

Die strenge Auswahl der zukünftigen Interhotelmitarbeiter war der Staatssicherheit aus "aus politisch-operativer Sicht" wichtig, um die geplante Überwachung von Hotelgästen und Angestellten durch eine hohe Anzahl Inoffizieller Mitarbeiter sichern zu können. Das Ausmaß der geplanten Überwachung verdeutlicht folgender Stasi-Plan für das "Geplante IM-Netz". Es reicht vom Hoteldirektor, Chef vom Dienst und Empfangsdirektor bis zum Fitnessleiter, Kellner, Barmixer und Kioskverkäufer:

Von der Stasi geplantes IM-Netz im Interhotel Dresdner Hof (undatiert)Von der Stasi geplantes IM-Netz im Interhotel Dresdner Hof (undatiert) Quelle: BStU, MfS, BV Dresden, Abt. VI 7291, Seite 17_Q6

Auf Grund dessen wurden viele der Bewerber nicht etwa auf Grund von fachlichen "Mängeln", sondern wegen "politischer Unzuverlässigkeit" aussortiert, in Dresden betraf das laut Stasi mindestens 141 Bewerber.

Große Einstellungschancen hatte dagegen, wer von der Staatssicherheit als "ehrlich und zuverlässig" eingeschätzt wurde - so, wie im nachfolgend abgebildeten Aktenbeispiel vom 11. Februar 1989 ein von der Stasi "positiv erfasster" Major der NVA mit SED-Parteibuch:

MfS-Kaderhinweis auf "positiv erfassten" Major zum Dienst im Interhotel vom 11.2.1989MfS-Kaderhinweis auf "positiv erfassten" Major zum Dienst im Interhotel vom 11.2.1989 Quelle: BStU, MfS, BV Dresden, Abt. VI 4778, Seite 3_Q9

Ein Schaubild der Stasi dokumentiert zufrieden, in welchen Abteilungen des Devisenhotels Personal mit Stasi-Connections das Sagen haben sollte.

Was nach der Eröffnung und der nur wenige Monate später folgenden Wiedervereinigung Deutschlands aus diesen Planungen wurde, halten die Unterlagen aber nicht fest.

Schaubild der Stasi über hochrangig eingesetzte MfS-Informanten in den einzelnen Arbeitsbereichen des Interhotels "Dresdner Hof"Schaubild der Stasi über hochrangig eingesetzte MfS-Informanten in den einzelnen Arbeitsbereichen des Interhotels "Dresdner Hof" Quelle: BStU, MfS, BV Dresden, Abt. VI 7291, Seite 1_Q5



Stasi Mediathek

Stasi-Akten online lesen: www.stasi-mediathek.de

Mit Geocaching der Geschichte auf der Spur

In Sachsen werden Geocaches in verschiedenen Workshops erstellt. Das Projekt soll Geschichten aus den Stasi-Akten vermitteln. Ausführliche Informationen finden sie auf www.untoldstories.de.

Antragsformular

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