"…als Mensch geboren" - Heimerziehung und Jugendwerkhöfe
Museumssommernacht in der Außenstelle Dresden
Über 22.000 Besucher strömten am 14. Juli 2012 in die 48 beteiligten Dresdner Museen. Auch die Außenstelle des BStU präsentierte sich während der Museumssommernacht mit einem interessanten Programm.
Den größten Andrang gab es, wie auch in den vergangenen Jahren, bei den Archivführungen. Obwohl der Besuch des Stasi-Akten-Archivs monatlich möglich ist, ließen sich viele, vor allem junge Menschen die Gelegenheit nicht entgehen. Für den musikalischen Auftrakt sorgten Schüler des Landesgymnasiums für Musik Carl Maria von Weber. Sie stimmten die über 400 Besucher der Außenstelle mit Stücken für Klarinette, Oboe und Flöte auf den Abend ein.
Ein Flötenquartett des Landesgymnasiums Carl Maria von Weber eröffnete den Abend.
Quelle: BStU Außenstelle Dresden / Hofmann
Der Hauptprogrammpunkt des Abends war eine Lesung und Podiumsdiskussion zum Thema repressive Heimerziehung in der DDR. Über 80 Besucher folgten den Ausführungen über das System der Jugendhilfe durch den Politikwissenschaftler Dr. Christian Sachse. Die Betroffenheit mancher Gäste war spürbar.
Danach lasen mit verteilten Rollen und sehr einfühlsam Ralf Weber und Nicole Glocke aus deren Buch "Erziehung hinter Gittern". Ralf Weber, eigentlich betroffener Zeitzeuge, übernahm hier die Rollen der Erzieher. Aufmerksam verfolgten die Besucher diesem ungewöhnlichen Perspektivenwechsel: Das frühere Opfer des DDR-Heimerziehungssystems nahm nun die Seite der Täter, Heimdirektoren und Erzieher ein.
Bericht eines Betroffenen
Ralf Weber berichtete danach sehr eindrücklich von seinem jahrelangen Kampf um die Rehabilitierung der ehemaligen Heimkinder. Er sieht sich in der Verantwortung, denn viele trauen sich bis heute nicht, über diese schwere Zeit und das Erlebte zu sprechen. Anschaulich erläuterte Herr Weber auch, dass der so mühsam errungene Erfolg des 40-Millionen-Euro-Fond für die Betroffenen aus DDR-Kinderheimen und Jugendwerkhöfen bei Weitem nicht die Bedürfnisse der Opfer decken könne.
Podiumsdiskussion mit Autorin Nicole Glocke, Zeitzeuge Ralf Weber und Politikwissenschaftler Dr. Christian Sachse.
Quelle: BStU Außenstelle Dresden / Hofmann
Das liege allein schon an den entstehenden Verwaltungskosten und an der bisher noch immer unbekannten Anzahl tatsächlich Bedürftigen.Die anschließenden regen Gespräche zwischen Besuchern und Podiumsteilnehmern zeigten, dass auch an diesem Abend einige Betroffene anwesend waren. Dr. Widera, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Hannah-Ahrendt-Instituts, der im Publikum saß, stellte mit Erstaunen fest. "Trotz der Öffentlichkeitsarbeit werden die Schattenseiten des Bildungssystems der DDR zu wenig wahrgenommen."
Ergänzt wurde der Themenschwerpunkt zur Heimerziehung mit der Ausstellung "Ziel: Umerziehung". Eine Ausstellung über die Geschichte repressiver Heimerziehung in der DDR. Besonders viele Besucher nahmen auch die Angebote der integrierten Hörstation wahr. Die Ausstellung ist noch bis zum 30. Juli in der Außenstelle Dresden zu sehen.
Besucher in der Ausstellung "Ziel: Umerziehung" in der Außenstelle Dresden.
Quelle: BStU Außenstelle Dresden / Hofmann
Großes Interesse bei jungen Besuchern
Die überwiegende Mehrzahl der jungen Gäste dieser Museumsnacht hatte die DDR nicht mehr selbst erlebt. Daher setzten sie sich bei der Dauerausstellung besonders intensiv mit dem "Wer ist wer" im Informations- und Dokumentationszentrum auseinander. Der Hauptfilm des Abend war "Stasi auf dem Schulhof", ein Film von Annette Baumeister über die Anwerbung Jugendlicher zur inoffiziellen Zusammenarbeit mit dem Staatssicherheitsdienst. Er regte gerade die jungen Besucher zum Nachdenken an.
Zum Ausklang des gelungenen Abends lasen zwei Theaterprofis des "Kulturschutzgebiet projekttheater Dresden e.V." aus dem Heft "Stasi-Stücke". Auch gaben sie selbst erlebte Episoden mit den früheren Machtorganen auf unterhaltsame Art zum Besten. Begleitet wurde die Lesung mit Zwischenspielen auf dem Saxophon. Ein Lesecafé mit Musterakten, Literatur zur Aufarbeitung der DDR-Diktatur und Angeboten für Kinder rundete das Programm der Außenstelle ab.


