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BStU-Jahresrückblick 1992

Januar – Die Behörde nimmt als "Bundesbeauftragter" ihre Arbeit auf und wird mit Anträgen auf Akteneinsicht überflutet: Die gedruckten Formblätter reichen nicht aus. Zeitungen drucken das Formblatt ab. Copy-Shops haben regen Zulauf.

Januar – Erste Anfragen zu Sicherheitsüberprüfungen aus Bundes- und Landesbehörden gehen ein. Sie sind Voraussetzung für den Aufbau der Verwaltungen in den neuen Bundesländern, insbesondere der Landeskriminalämter, Landesämter für Verfassungsschutz, aber auch anderer Verwaltungsbereiche.

02. Januar – Beginn der Akteneinsicht für Bürger, Wissenschaftler und Medien mit großer Resonanz in der Öffentlichkeit.

Januar – Vorlage des 1. Rechercheberichtes zu dem IM "Heiner" (Prof. Dr. Heinrich Fink – Humboldt-Universität Berlin). Trotz Vernichtung wesentlicher Akten bzw. – stücke durch das MfS wird aufgezeigt, dass Prof. Heinrich Fink ausweislich der vorhandenen MfS-Unterlagen inoffiziell mit der Staatssicherheit zusammengearbeitet hat.

03. Februar – Der Bundespräsident Richard von Weizsäcker besucht die Behörde und besichtigt das ehemalige Zentralarchiv des MfS.

Februar – Forschungs- und Medienanträge zum Thema "Evangelische Kirche in der DDR". Die evangelische Landeskirche Sachsen-Anhalt beantragt die Überprüfung von 515 Personen.

10. März – Der "Stolpe-Untersuchungsausschuss" des Landtages Brandenburg beschließt, den Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen mit der Erstellung eines Gutachtens zu beauftragen

März – Forschungs- und Medienanträge zu Hintergründen des "Olympia-Massakers" München 1972

31. März – Im ersten Recherchebericht des BStU für den "Stolpe-Untersuchungsausschuss" des Landtages Brandenburg heißt es zu Stolpe, dass der Schluss zulässig ist, "dass er nach den Maßstäben des MfS über einen Zeitraum von ca. 20 Jahren ein wichtiger IM im Bereich der Evangelischen Kirchen der DDR war."

Ende März – Die ersten Bürger bekommen im Rahmen ihrer Akteneinsichten die entschlüsselten Decknamen der IMs, die sie bespitzelt haben.

Mitte 1992 – Erste Ersuchen der Zentralen Ermittlungsstelle "NS-Verbrechen" Ludwigsburg zur Auswertung der vom MfS archivierten Zentralen Untersuchungsvorgänge "NS-Verbrechen" (insgesamt ca. 2.000 Bände).

Mitte 1992 – Ersuchen zur Aufklärung von Todesfällen, die sich erst anhand 1995 gefundener Sachakten als verschleierte Todesfälle an der Mauer herausstellen.

09. Juni – Besuch des Bundesinnenministers Rudolf Seiters im Zentralarchiv.

Juni – Insgesamt sind bisher über eine Million Anträge auf persönliche Akteneinsicht und Ersuchen öffentlicher und nicht-öffentlicher Stellen bei der Behörde eingegangen.

August – Beginn des Aufbaus einer Abteilung Bildung und Forschung in der Behörde

September – Ersuchen der Staatsanwaltschaft bei dem Kammergericht Berlin zu Kindern, die an der innerdeutschen Grenze erschossen wurden: Im März 1966 sind an der Grenze Berlin-Neukölln zwei Kinder im Alter von 10 und 14 Jahren erschossen worden, deren Namen zunächst unbekannt blieben. 1997 kann dieser Fall geklärt werden!

01. Oktober – Beirat beim Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen konstituiert sich. Zu seinem Vorsitzenden wählt der 16-köpfige Beirat Probst Dr. Heino Falcke aus Erfurt. Neun Beiratsmitglieder werden von den neuen Bundesländern nominiert, sieben vom Deutschen Bundestag.

29. Oktober – Verabschiedung des Ersten Strafrechtlichen Rehabilitierungsgesetzes. Bis Ende 1993 liegen ca. 29.000 Anfragen im Zusammenhang mit Rehabilitierung und Wiedergutmachung vor.

ab Oktober – Anfragen des Bundesverwaltungsamtes, der Unabhängigen Kommission Parteivermögen und der Treuhandanstalt zur Aufklärung, Erfassung und Sicherung des Vermögens des MfS und der Parteien der DDR.

03. Dezember – Auf der ersten "Donnerstagsveranstaltung" der Behörde (einer Veranstaltungsreihe, mit der die Abteilung Bildung und Forschung künftig regelmäßig an die Öffentlichkeit tritt) wird vor über 500 Gästen zu dem Thema "Auseinandersetzen – Zusammenwachsen" debattiert.

Ende 1992 – Es liegen über 500.000 Anträge auf private Akteneinsicht vor. Es kommt zu erheblichen Wartezeiten für die Bürger, die ihre Unterlagen sehen wollen. Im Laufe des Jahres werden zudem zahlreiche Überprüfungsersuchen zur "Weiterbeschäftigung im öffentlichen Dienst" eingereicht. So stellt beispielsweise das Land Sachsen-Anhalt einen Antrag zur Überprüfung von 31.000 Lehrern.