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"Sabotage an den Wünschen unserer Regierung"

Das Jahr 1956 im Blick des MfS

Das Jahr 1956 begann mit einem Paukenschlag: Auf dem XX. Parteitag der KPdSU, der im Februar in Moskau stattfand, rechnete Parteichef Chruschtschow schonungslos mit der Herrschaft Stalins und seinen Verbrechen ab. Die radikale Abkehr vom 1953 verstorbenen, bisher vergötterten Diktator löste im gesamten sowjetischen Machtbereich eine Krise aus. Dies zeigte sich vor allem in Polen und Ungarn, wo es zu von breiten Schichten getragenen Aufständen gegen die herrschenden kommunistischen Parteien kam, die blutig niedergeschlagen wurden.

An der DDR ging der Parteitag ebenfalls nicht spurlos vorüber. Während viele SED-Mitglieder verunsichert waren, hofften andere auf eine Lockerung des Kurses auch in der DDR. Besonders intensiv wurde an den Universitäten diskutiert. Es gab Spekulationen über die Ablösung von SED-Funktionären und offen geäußerte Zweifel am Marxismus-Leninismus. Zudem entzündeten sich Proteste an dem Mai ausgesprochenen Westreiseverbot für Studenten. So demonstrierten in Dresden über 1 000 Studenten und unterzeichneten eine an Ministerpräsident Otto Grotewohl gerichtete Protestresolution. Vielfach wurden sie von Professoren unterstützt.

Karteikarte Bernhard Kockel mit Foto.Karteikarte Bernhard Kockel mit Foto. Quelle: BStU, MfS, BV Lpz, AP 1019/62, Bl. 54

Ein Professor protestiert gegen Reiseverbote

Doch kaum jemand ging dabei so weit wie der Leipziger Professor Bernhard Kockel. Der Physiker, seit 1946 SED-Mitglied, hatte vor dem Zweiten Weltkrieg als Assistent des Nobelpreisträgers Werner Heisenberg gearbeitet. Im Jahr 1952 übernahm er einen Lehrstuhl und wurde Direktor des Theoretisch-Physikalischen Instituts in Leipzig. Er unterhielt enge Kontakte zu seinem früheren Lehrer Heisenberg in Göttingen und wurde häufig zu Vorträgen ins Ausland eingeladen. Schon deshalb war ihm jegliche Beschränkung der Reisefreiheit ein Dorn im Auge.

Kockel formulierte "Zwölf Thesen", in denen er das Reiseverbot in zum Teil sarkastischer Form kritisierte. Das Verbot sei "Sabotage" an den Wünschen der Regierung, "über Kulturtage, Deutsche Begegnungen [und] Kongresse der verschiedensten Art […] zum Gespräch mit Westdeutschland zu kommen." Auch verwies er auf Karl Marx, bei dem man "keine Stelle" fände, "die besagt, dass sozialistische Länder sich mit einer Sperre aus Draht und Formularen umgeben müssen." Schließlich kritisierte er – kaum verschleiert – das MfS: Das Verbot sei Ausdruck einer "ständigen, misstrauischen Gängelungs- und Beobachtungssucht […], die es schrecklich findet, wenn sie nicht auch in den Urlaubsmonaten von Nr. 1 bis Nr. N der Bevölkerung genau weiß, was diese Nummer isst, trinkt, hört, liest, spricht, sieht und tut."

Sein Manifest schickte Kockel an die Parteileitung seines Instituts, an den Rektor der Universität, Georg Mayer, sowie an das ZK der SED. Sein Vorhaben, es auch am Schwarzen Brett auszuhängen, wurde von Mayer unterbunden. Daher konnte das MfS in seinem Bericht beruhigt feststellen, dass noch keine Diskussionen zu dem Schreiben bekannt geworden waren. Kockel musste sich mehreren "Aussprachen" mit der SED-Bezirksleitung und der Zentralen Parteileitung der Universität stellen. Doch er blieb bei seiner Position. Dass die Aktion keine Konsequenzen für seine berufliche Laufbahn hatte, war seinem Renommee zu verdanken. Selbst das MfS war der Ansicht, dass sein Weggang aus der DDR »unserer Wissenschaft großen Schaden zufügen« würde. Derweil hatten die landesweiten Proteste gegen das Reiseverbot zunächst Erfolg: Die SED-Führung entschloss sich, das Verbot zurückzunehmen.

Der Aufstand in Ungarn und die Reaktion in der DDR

Buch über die Berichte der Abteilung Information 1956.Die Berichte der Abteilung Information 1956. Quelle: Vandenhoeck und Ruprecht

Im Herbst aber kam es erneut zu Unruhen an den Universitäten. In Ungarn hatten Studenten die Abschaffung des Russischunterrichts und die Bildung eines unabhängigen Studentenverbandes gefordert. Ihre ostdeutschen Kommilitonen solidarisierten sich und erhoben ähnliche Forderungen. Im Oktober weitete sich eine Studentendemonstration in Budapest zu einem Massenprotest gegen die kommunistische Führung und schließlich zum Volkaufstand aus. Dieser wurde innerhalb weniger Wochen von der sowjetischen Armee blutig niedergeschlagen. Zum Gedenken an die Opfer führten Schüler und Studenten in der DDR Schweigeminuten durch.

Die Niederschlagung des Aufstands machte die Grenzen der vorsichtigen Öffnung nach der Abkehr von Stalin deutlich. Die Sowjetführung erkannte, dass zu weitgehende politische Zugeständnisse zu einem Auseinanderbrechen ihres Machtbereichs führen konnten. Damit wurden überall im Ostblock diejenigen Kräfte gestärkt, die sich gegen politische Lockerungen gestellt hatten. In der DDR behielt Walter Ulbricht die Oberhand. Das bekamen auch die Universitäten zu spüren. Zahlreiche an den Protesten beteiligte Studenten wurden verhaftet. Und bereits im Sommer des Folgejahres wurde erneut ein Westreiseverbot verhängt. Wieder kam es zu Demonstrationen, doch da Partei und MfS nun besser vorbereitet waren, konnten sie rasch aufgelöst werden.

Weitere Details und Dokumente zu Protesten von Studenten und Schülern sowie zu den Auswirkungen des XX. Parteitags der KPdSU auf die DDR insgesamt finden sich in dem Band "Die DDR im Blick der Stasi 1956", erschienen in der Reihe "Die DDR im Blick der Stasi. Die geheimen Berichte an die SED-Führung". Der Band wurde bearbeitet von Henrik Bispinck und herausgegeben von Daniela Münkel im Auftrag des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen.

Die bisher erschienen Bände können Sie online einsehen.
In der Stasi-Mediathek finden Sie einige ausgewählte Dokumente zum Aufstand in Ungarn.

Bürgerberatung

In der Zentralstelle des BStU in der Karl-Liebknecht-Straße in Berlin beraten Sie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bürgerberatung telefonisch oder persönlich zu Fragen der Akteneinsicht.

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