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Die Stasi im Westen

Circa 3.000 IM spionierten zuletzt in der Bundesrepublik

Für die Auslandsspionage des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) war die Hauptverwaltung A (HV A) zuständig. Als eine mögliche Informationsquelle nahm das MfS Sekretärinnen in bundesdeutschen Ministerien, Verbänden und Parteien ins Visier.

Titel eines vertraulichen Schulungsmaterials mit "Erkenntnissen und Erfahrungen zur Berufsgruppe der Sekretärinnen in der BRD"Titel eines vertraulichen Schulungsmaterials mit "Erkenntnissen und Erfahrungen zur Berufsgruppe der Sekretärinnen in der BRD" Quelle: BStU, MfS, BV Gera, Abt. XV, Nr. 282, Bl. 3

Die Hauptverwaltung A des MfS, die HV A auch "Aufklärung" genannt, verfügte zuletzt über 4.600 hauptamtliche Mitarbeiter, rund 13.400 inoffizielle Mitarbeiter (IM) in der DDR und rund 1.500 IM in der Bundesrepublik Deutschland. Diese Zahlen-Angaben beruhen zum Teil auf Hochrechnungen, da sich die HV A mit Zustimmung des Runden Tisches der DDR im Zuge der Friedlichen Revolution 1989/90 selbst auflösen konnte. Dabei ist der größte Teil der Unterlagen vernichtet worden. Zuständig für die HV A war bis 1986 Generaloberst Markus Wolf, danach Generaloberst Werner Großmann.

"Operationsgebiet" Bundesrepublik

Im besonderen Fokus der HV A-Operationen standen die Bundesrepublik Deutschland und West-Berlin. Der HV A gelang es, aus der DDR eingeschleuste Agenten in öffentlichen Einrichtungen, Parteien und Regierungsstellen in der Bundesrepublik zu platzieren. Zu den spektakulärsten Spionagefällen dieser Art zählte der "Kanzleramtsspion" Günter Guillaume in der Regierungszeit Willy Brandts. Aber auch nach Guillaumes Enttarnung 1974 konnte die HV A im Kanzleramt weitere Quellen gewinnen und so Informationen aus der bundesdeutschen Regierung erhalten. In einem ungewöhnlich hohen Maße konnte die DDR eigene Bürger, die in den Westen reisen durften, aber auch Westbürger mit Verwandtschaft in der DDR für die Spionagearbeit gewinnen.

Zu den Spionagefeldern zählten neben der Politik auch Militär, Wirtschaft, Wissenschaft, zivilgesellschaftliche und kirchliche Einrichtungen sowie die westlichen Geheimdienste. Nachweisliche Zielobjekte für Aktivitäten des MfS in Bonn waren nicht nur Bundesregierung, Kanzleramt und Bundespräsidialamt, sondern auch sämtliche Bundesministerien, das Bundeswehramt, die Bundeszentrale für politische Bildung, die Friedrich-Ebert-Stiftung, der Verband Deutscher Studentenschaften, die Junge Union, die Deutschen Jungdemokraten, die Deutsche Kommission für Weltraumforschung, das Deutsche Atomforum u.a.m.

Das MfS versuchte auch, gezielt Einfluss auf das öffentliche Leben in der Bundesrepublik zu nehmen. Beispielsweise durch die Bestechung zweier Bundestagsabgeordneter beim Misstrauensvotum der CDU/CSU-Bundestagsfraktion 1972 gegen Willy Brandt. Das trug dazu bei, einen Regierungswechsel zu verhindern.

Grundsätzlich galt im MfS das Prinzip der "Einheit von Aufklärung und Abwehr". Das bedeutet, die HV A kooperierte systematisch mit anderen Diensteinheiten des MfS, die primär für die Inlandsarbeit zuständig waren. Umgekehrt führten zahlreiche andere Diensteinheiten des MfS auch inoffizielle Mitarbeiter im Westen.

Von den rund 3.000 Menschen, die zuletzt für das MfS im Westen spionierten, war rund die Hälfte für die HV A tätig, die andere Hälfte für weitere Abteilungen des MfS

Operation "Romeo"

Auf der Suche nach geeigneten Agenten fiel der Blick der HV A auch auf Sekretärinnen. Sie wussten viel und blieben auch oft dann auf ihren Positionen, wenn die Vorgesetzten wechselten. Ein besonderes Interesse galt ihnen im Bundeskanzleramt, in den bundesdeutschen Ministerien, dem Bundeskriminalamt, dem Auswärtigen Amt oder in vergleichbar nachrichtendienstlich attraktiven Institutionen.

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In internen Analysen der HV A wurde der Berufsstand der Sekretärinnen beschrieben, vor allem im Hinblick darauf, wo sich Ansatzpunkte ergeben könnten, wie diese am besten als Agenten zu werben waren. Eine Methode bestand darin, sie so zu umwerben, dass sie sich in einen für sie zunächst nicht als Mitarbeiter der HV A erkennbaren Mann verlieben. Dabei kamen Sekretärinnen infrage, die als "kontaktarm" und "labil" galten.

Diese Werber, manchmal "Romeos" genannt, sollten zu nachrichtendienstlich interessanten Sekretärinnen ein belastbares Vertrauensverhältnis aufbauen. Mitunter sollten sie Liebe lediglich vortäuschen, eine Heirat in Aussicht stellen oder - was es auch gab - eine Hochzeit inszenieren.

Die Werber waren meist DDR-Bürger, die stets nachrichtendienstlich ausgebildet waren und meist als Bundesbürger auftraten. War der Kontakt zu einer Sekretärin gelungen und hatte es gar gefunkt, versuchte der Werber meist mit viel Geduld, die Sekretärin nachrichtendienstlich einzuspannen. Manche ahnten bis zuletzt nicht, dass sie der HV A Informationen lieferten. Sie glaubten an einen britischen Nachrichtendienst, einen dänischen Journalisten oder einen Konzernmitarbeiter. Nur wenn keine Distanzierung zu befürchten war, weil zum Beispiel eine Sympathie für die DDR erkennbar war, legte sich der Werber als Mitarbeiter der HV A offen. Manche der Frauen arbeiteten aus politischer Überzeugung für die HV A, andere des Geldes wegen.

Das Interesse der HV A an einer solchen Sekretärin hielt meist solange an, wie sie geheime oder sensible Informationen ihres Arbeitsplatzes lieferte.

Im Zeitraum von 1949 bis 1987 wurden 58 Sekretärinnen in der Bundesrepublik durch die Spionageabwehr des Verfassungsschutzes enttarnt. Viele von ihnen wurden verhaftet und teilweise zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

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