Der Mauerbau und das MfS
Die Rolle der DDR-Staatssicherheit am 13. August 1961. Ein neuer Quellenband des BStU.
Im Juni 2011 ist der neueste Band in der Reihe "Die DDR im Blick der Stasi - Die geheimen Berichte an die SED-Führung" im Buchhandel erschienen. Er behandelt das Jahr des Mauerbaus 1961. Das Buch bündelt die geheimen Berichte der "Zentralen Informationsgruppe" (ZIG) des MfS an die Staatsführung der DDR und die sowjetischen "Freunde".
Die erste Mauer war aus Stacheldraht. MfS-Foto, im August 1961 aufgenommen am Potsdamer Platz
Quelle: BStU
Diese MfS-Berichte fassen zusammen, was Zuträger im ganzen Land der DDR-Geheimpolizei Stasi im Umfeld des Mauerbaus am 13. August 1961 berichteten - auch aus dem Westteil Berlins. Der Band enthält mehrere bislang unbekannte Dokumente. Sie machen auch deutlich, dass die Stasi eine aktive Rolle beim Mauerbau spielte. Am 23. Juni 2011 wurde das Buch im Grenzstreifen an der Bernauer Straße vorgestellt.
Von Prof. Dr. Daniela Münkel
Die Staatssicherheit verfasste über die Aktion »Rose« – so der Codename für den im Zusammenhang mit der Grenzschließung am 13. August 1961 stehenden Maßnahmenkomplex – und die »Reaktion auf die Maßnahmen zur Sicherung der DDR« bis zum 16. August zwölf Berichte, davon allein fünf am 13. und vier am 14. August. Von da an wurde bis zum 3. September zu diesem Thema nur noch einmal täglich berichtet. Wichtigster externer Adressat war – neben den sowjetischen Verbindungsoffizieren – der sogenannte Zentrale Einsatzstab, der für die Umsetzung der Abriegelungsmaßnahmen zuständig war und unter der Leitung von Erich Honecker (ZK-Sekretär für Sicherheitsfragen) stand.(1)
Titelblatt der Stasi-Informationen über die Durchführung der 'Aktion Rose' - so lautete der Codename für den Mauerbau und den Ausbau der DDR-Grenzanlagen im August 1961. Die geheimen Berichte der Zentralen Informationsgruppe des MfS (ZIG) gingen laut Verteiler auch an die sowjetischen "Freunde" - das war Moskaus Geheimdienst KGB.
Quelle: BStU MfS ZAIG 31066
SED-Chef Walter Ulbricht steht nur selten im Verteiler; ihm dürften die Berichte aber von Honecker oder Mielke, dem oftmals mehrere Exemplare zur Verfügung standen, zugänglich gemacht worden sein. Die Themenschwerpunkte der Berichterstattung variieren je nach Zeitphase. Noch während der ersten »Grenzsicherungsmaßnahmen« versäumte es die Staatssicherheit nicht, ihre eigene Rolle ins rechte Licht zu rücken. Dabei kam ihr eine ernste Panne gleich in der Nacht der Grenzschließung entgegen: »Der Gesamtverlauf der Aktion«, die um 1.00 Uhr nachts ausgelöst wurde, sei »bisher zufriedenstellend, bis auf den Einsatz der Transportpolizei, die wegen falscher Einsatzzeit (X+4) ausfiel«(2), heißt es im ersten Bericht vom frühen Morgen des 13. August. Im zweiten Bericht des Tages – wenige Stunden später – schob das MfS die Information nach: »Der Einsatz der Trapo erfolgte auf mehreren Bahnhöfen später als der Einsatz des MfS. Wodurch die Maßnahmen in den meisten Fällen vom MfS allein durchgeführt wurden.« (3)
MfS-Aufnahme offenbar aus der Nacht zum 13. August 1961: Der Mauerbaubeauftragte von DDR-Staatschef Walter Ulbricht, Erich Honecker (r.) und Begleiter aus Politbüro und Militärführung unterwegs nahe dem Grenzübergang Bornholmer Straße. Links neben Honecker der damalige DDR-Innenminister Karl Maron.
Quelle: BStU MfS ZAIG FO/2813
Diese Formulierung ist fast schon unterkühlt, denn die Kappung des U-Bahn-, S-Bahn- und Fernbahnverkehrs war eine der zentralen Maßnahmen zur Sperrung der Grenze. Als die Einheiten der Transportpolizei nach 5 Uhr endlich an ihren Einsatzorten eintrafen, war die Arbeit im Wesentlichen getan. Zwölf S- und U-Bahnlinien zwischen Ost- und Westberlin wurden unterbrochen, die Bahnhöfe der »Westlinien«, die durch den Ostsektor fuhren, geschlossen.
Die Staatssicherheit hob jedoch nicht nur ihre Fähigkeit hervor, Versäumnisse anderer Sicherheitsorgane zu kompensieren, sondern empfahl sich auch als übergeordnete Kontrollinstanz, die in jeder Situation den Überblick behielt und die richtigen Entscheidungen traf. So wusste sie zu berichten: »Gegen 3.00 Uhr kam es im Raum Mahlow auf Westberliner Boden zu einer Konzentration von Bürgern aus der DDR, die sich in Westberlin aufgehalten hatten und zunächst von der VP [Volkspolizei] an der Rückkehr in die DDR gehindert wurden. Lage wurde durch entsprechende Anweisungen des MfS, diese Personen sofort in die DDR einzulassen, normalisiert.« (4)
ZAIG-Erfolgsbericht vom 13.8.1961: "Die Einleitung aller vorgesehenen Maßnahmen erfolgte schlagartig und erfolgreich". Der "Gegner" sei "von der Aktion der DDR völlig überrascht". Im Einsatz, so wird bilanziert, waren u.a. 5500 Angehörige der DDR-Grenzpolizei' DGP, die nachts zeitgleich 60 Straßenübergänge sperrten.
Quelle: BStU MfS ZAIG 31066
Die Staatssicherheit war zeitnah über die interne Meinungsbildung sowohl bei den Westalliierten als auch in der Westberliner und Bonner Politik informiert. In den Berichten werden zum einen die offiziellen Verlautbarungen bundesdeutscher, britischer, amerikanischer oder französischer Politiker sowie ein Teil der Berichterstattung der Westmedien zusammengefasst. Zum anderen werden Informationen aus, wie es hieß, »internen« oder »verlässlichen« Quellen, also von Agenten beschafftes Material, präsentiert.
Am 13. August war die Stasi hinsichtlich einer möglichen westlichen Antwort noch vorsichtig: »In der ersten offiziellen Reaktion führender politischer Kreise Bonns, Westberlins und der Westmächte wird von schärfsten Protesten gegen die Maßnahmen der DDR und von sogenannten Gegenmaßnahmen gesprochen, jedoch zugleich vor ›Unbesonnenheit‹ gewarnt.«(5) Auch in »führenden Westberliner CDU-Kreisen« herrsche, so das MfS, »eine gewisse Unsicherheit. Man glaube einerseits nicht mehr daran, dass die ›Berlinkrise‹ mit friedlichen Mitteln beigelegt werden kann. […] Andererseits glaube man nicht daran, dass die USA in ihrer Politik in der Westberlinfrage bis zum äußersten gehen würden.« Ein »Offizier des Bundesnachrichtendienstes« wird von einer »zuverlässigen Quelle« mit der Aussage zitiert, »die Amerikaner in Westberlin müssten jetzt zeigen, was ihre Versprechen wert sind. Man müsse jetzt auf alles vorbereitet sein«.(6)
Stasi-Chef Erich Mielke (2.v.r.) in der Nacht des Mauerbaus. Abfotografiert aus einem Fotoalbum Erich Mielkes, 1990 aufgefunden in seinem ehemaligen Büro. Links neben ihm im dunklen Mantel der stellvertretende Minister für Staatssicherheit Bruno Beater, daneben im helleren Mantel vermutlich der stellvertretende Minister des MfS und Arbeitsgruppenleiter Alfred Scholz.
Quelle: BStU MfS ZAIG FO/2813 Bild Nr. 72
Erst im Laufe des 14. Augusts wurde die Berichterstattung entspannter. Jetzt stellte das MfS die Bereitschaft der Westmächte infrage, Forderungen der Bundesregierung und des Berliner Senats nach entschlossenen Gegenmaßnahmen und Rückgängigmachung der Grenzschließung nachzukommen. Mitarbeiter des englischen Geheimdienstes hätten die Auffassung geäußert, »dass man sich mit den gegebenen Tatsachen abfinden müsse. Einen Krieg würden die Westmächte aufgrund der Maßnahmen der DDR keinesfalls riskieren« (7).
In einem weiteren Bericht wurde die Information nachgeschoben, dass der amerikanische Stadtkommandant von Berlin, Albert Watson, bereits am 13. August bei führenden CDU-Politikern (unter anderem Ernst Lemmer und Franz Amrehn) mit einer zynischen Äußerung für Empörung gesorgt hatte: Bei der Grenzschließung – so Watson laut MfS – handle es sich »nur um eine Verkehrsbehinderung innerhalb Berlins, von der die Freiheit der Bevölkerung Westberlins nicht betroffen werde« (8).
Unter ständiger Beobachtung bleiben die Reaktionen der westlichen Alliierten in West-Berlin. Das MfS beruhigt die DDR-Staatsführung und registriert nur "taktische Handlungen".
Quelle: BStU Mfs ZAIG 31066
Das MfS vermutete, dass in diesem Zusammenhang »möglicherweise auch die verschiedenen widersprüchlichen Meldungen über den Grad der Einsatzbereitschaft der amerikanischen Streitkräfte in Westberlin zu sehen« (9) seien. Bald verdichteten sich in den Berichten der Staatssicherheit die Hinweise, dass mit keiner für die DDR in irgendeiner Form bedrohlichen Situation zu rechnen sei. Dass das MfS »Entwarnung« geben konnte, lag nicht zuletzt an Top-Meldungen aus »führenden Westberliner SPD-Kreisen«. Bereits am 15. August wusste die Staatssicherheit zu berichten, »Brandt habe sich mit den westlichen Kommandanten darüber geeinigt, dass alles unternommen werden soll, um von Westberlin aus keinerlei Anlass für weitere Komplikationen zu geben« (10).
Aus gleicher Quelle meldete das MfS am 17. August, »dass Brandt erstmalig seit längerer Zeit zum Sitz der westlichen Militärkommandanten bestellt und ihm dabei klargemacht wurde, wer in Westberlin zu bestimmen hat. Brandt sei noch einmal darauf hingewiesen worden, dass die Westmächte ›nur ihre Rechte‹ in Westberlin verteidigen würden.« (11)
Titelblatt des Fotoalbums in Erinnerung an den Mauerbau, das sich 1990 im Büro von Stasi-Chef Erich Mielke fand.
Quelle: BStU MfS ZAIG FO/2813
Auch die SED befürchtete eine heftige Reaktion der DDR-Bevölkerung. Ulbricht hatte den Beginn der Aktion »Rose« nicht zufällig auf die Nacht von einem Samstag auf einen Sonntag gelegt. Als die Kunde von der Grenzschließung die Runde machte, waren die meisten »Werktätigen« zuhause. Ein von Betriebsbelegschaften ausgehender Aufruhr wie am 17. Juni 1953 war an diesem Tag auszuschließen. Noch saß das »Juni-Trauma« beim SED-Chef tief, was auch dem BND nicht verborgen blieb: »Der ›17. Juni-Komplex‹ ist unter den führenden Ostberliner Funktionären größer denn je« (12), wurde am 18. August gemeldet. Dies entspricht auch den Erinnerungen des sowjetischen Diplomaten Julij A. Kwizinskij, wonach Ulbricht einige Wochen zuvor gegenüber Botschafter Michail G. Perwuchin geäußert hatte, »man müsse mit Massenaufläufen, offenen Versuchen des Ungehorsams, Schlägereien und vielleicht sogar mit Schießereien« (13) rechnen. Es lag somit auf der Hand, dass die Staatssicherheit Stimmungen und aufkeimende Proteste in der Phase unmittelbar nach der Grenzschließung genauestens in den Blick nahm. (14)
MfS-Stimmungseinschätzung vom 14.8.1961. Negative Diskussionen werden als Einzelmeinungen abgetan.
Quelle: BStU MfS ZAIG 31066
Am Morgen des 13. Augusts meldete das MfS zunächst: »Nach der bisherigen Übersicht ist die Lage an den Grenzübergängen als ruhig einzuschätzen. Es ist sogar auffällig, dass bis zu diesem Zeitpunkt noch keine oder kaum neugierige Passanten sich von den eingeleiteten Maßnahmen überzeugten.« (15) Diese »abwartende Haltung« der Bevölkerung würde von Erkenntnissen aus abgehörten Telefonaten bestätigt. Doch schon wenige Stunden später musste die Geheimpolizei berichten: »An einer Reihe von Grenzübergängen zwischen dem demokratischen Berlin und Westberlin gab es Ansammlungen von ca. 50 bis 100 Personen, die sich teilweise negativ über die von der Regierung der DDR getroffenen Maßnahmen äußerten. Vielfach wird dabei erklärt, dass der Westen diese Schritte nicht hinnehmen werde. Deshalb würden die Maßnahmen der DDR nur kurze Zeit aufrechterhalten werden können.« (16)
Im Lauf des Spätsommers 1961 perfektionierte Berliner Grenzbefestigung: Panzersperren und erhöhte Mauern mit Stacheldrahtkrone.
Quelle: BStU MfS ZAIG FO/2813
Um 9.30 Uhr bildete sich auf dem Bahnhof Friedrichstraße eine Traube von 20 bis 30 Personen, die versuchte, auf den Bahnsteig A zu gelangen, der seit den frühen Morgenstunden für Ostberliner nicht mehr zugänglich war. (17) Einen besonderen Unruheherd bildeten naturgemäß die sogenannten Grenzgänger – Ostberliner, die bisher in Westberlin gearbeitet hatten und die jetzt nicht mehr zu ihren Arbeitsstellen gelangen konnten. Bereits am Morgen des 13. Augusts bildete sich vor dem Rathaus Pankow eine »Zusammenrottung von Westgängern«, die, obwohl es Sonntag war, »Auskunft über neue Arbeitsverhältnisse im demokratischen Berlin forderten« (18).
Auch Protesthandlungen, die sich bereits in den frühen Morgenstunden ereignet hatten, wurden nachträglich von der Staatssicherheit gemeldet. So hatte der Tankwart der Tankstelle Grünau (im äußersten Süden des Ostberliner Bezirks Treptow) »einem Mitarbeiter der Sicherheitsorgane« den Verkauf von Benzin mit den Worten verweigert, »wenn alle streiken, streike er auch«. »Die Schließung der Grenzen nach Westberlin richte sich gegen die Arbeiter.« (19)
In einem Stasi-Bericht der Zentralen Informationsgruppe (ZIG) vom 29.8.1961 werden Todesschüsse auf den damals 27jährigen Neuberliner Roland Hoff gemeldet, der durch den Teltow-Kanal in den Westen schwimmen wollte. Er hatte sich am 13. August in seinem Betrieb in der Niederlausitz gegen den Mauerbau ausgesprochen und daraufhin seine Arbeitsstelle verloren. Roland Hoffs Name wurde von der DDR nicht veröffentlicht, weshalb seine Angehörigen erst nach der Wende von seinem Schicksal erfuhren.
Quelle: BStU MfS ZAIG 31066
Aus dem östlich von Berlin gelegenen Kreis Straußberg wurde das »Anschmieren von Hetzlosungen « und die Festnahme von Jugendlichen gemeldet, »die gegenüber Angehörigen der Grenzpolizei provokatorisch auftraten« (20). Im letzten noch am 13. August verfassten Bericht stellte die Staatssicherheit fest, »die Maßnahmen der Regierung« würden »in allen Bevölkerungskreisen lebhaft diskutiert« und versuchte die Stimmung zu bilanzieren. Es sei zwar nicht möglich, das Verhältnis zwischen positiven und negativen Stimmen umfassend einzuschätzen, doch »aufgrund der bisher vorliegenden Informationen « würden »die positiven Stellungnahmen weit überwiegen« (21). Diese rituelle Feststellung einer zustimmenden Haltung der Bevölkerungsmehrheit zur Politik der Führung ist typisch für MfS-Stimmungsberichte.
Ebenso typisch für diese Textgattung ist, dass zuerst die »positiven Stimmen« wiedergegeben werden. Es werde begrüßt, dass der »Republikflucht ein Riegel vorgeschoben « und den »Grenzgängern und Schiebern das Handwerk gelegt« (22) worden sei. Die Maßnahmen seien »ein Schlag gegen die Agententätigkeit und gegen die von Westberlin ausgehende Unterminierung der DDR«. Hier wurden offensichtlich die Äußerungen von Funktionären und SED-Mitgliedern wiedergegeben, die auf Geheiß der Ostberliner Parteileitungen den ganzen Tag zu »Agitationseinsätzen« ausgeschwärmt waren, um an den Hauptbrennpunkten die Stimmung zu beeinflussen. Wie so oft dienten dem Regime die eigenen Inszenierungen als Beleg für einen Konsens, den es in Wirklichkeit nicht gab.
Doch ungeachtet dieses obligatorischen, diktaturimmanenten Selbstbetrugs nehmen die »negativen« Äußerungen in der MfS-Berichterstattung einen deutlich breiteren Raum ein. An erster Stelle stehen »Vergleiche mit der Situation am 17. Juni 1953«, die in Berlin unter anderem in »Ansammlungen« an S- und U-Bahnhöfen und an »mehreren Grenzübergängen« angestellt würden. (23) Es fiel auch der Begriff KZ. Das scheint kein Einzelfall gewesen zu sein, denn in einem Bericht des Folgetages heißt es, »Provokateure« würden »in einer Reihe von Fällen die Maßnahmen der DDR mit faschistischen Maßnahmen vergleichen«. Vielfach wurde geäußert, durch diesen Schritt werde die »Spaltung vertieft«.
Auch der Ruf nach freien Wahlen wurde immer wieder laut. Vereinzelt kam es zu »Aufforderungen an Arbeiter, am Montag den Betrieben fernzubleiben«. Wie stark die Befürchtungen waren, dass es zu Streiks kommen könnte, zeigt die Berichterstattung des 14. Augusts, bei der vor allem die Ostberliner Großbetriebe unter verstärkter Beobachtung standen.(24)
Die Staatssicherheit stellte umgehend fest, »dass Beschäftigte volkseigener Betriebe zu Beginn der Arbeitsaufnahme unentschuldigt fehlten«. Beim VEB Bergmann-Borsig waren zum Beispiel nur 60 Prozent der Belegschaft erschienen. Zwar konnte das MfS Entwarnung geben. Es ermittelte, dass »die fehlenden Arbeitskräfte aus den Randgebieten Berlins, vorwiegend aus dem Kreis Oranienburg«, stammten und wegen Schwierigkeiten im S-Bahnverkehr und verschärfte Kontrollen (als Begleiterscheinungen der Grenzschließung) nicht pünktlich zur Arbeit kommen konnten.
Gleichwohl blieb es in den Betrieben nicht durchgängig ruhig: Im Betonwerk Berlin-Grünau versuchten Arbeiter gleich zu Schichtbeginn »eine Resolution gegen den Regierungsbeschluss zu verfassen«. Im Ostberliner VEB Kühlautomat wurde der Parteisekretär nach einer Diskussion niedergeschlagen, »bei der er positiv aufklärend auftrat«. Im Oranienburger VEB Holzbau streikten Arbeiter gar mit der Forderung »Rückgängigmachung der Maßnahmen um Berlin«.
MfS-Aufnahme aus Strausberg vom 15.8.1961
Quelle: BStU
Das MfS kam schon am Tag nach der Grenzsperrung nicht umhin zu bilanzieren: »Allgemein ist festzustellen, dass bei negativen Erscheinungen in der DDR und im demokratischen Berlin die Jugendlichen eine besondere Rolle spielen.« Viele ostdeutsche Jugendliche orientierten sich an der westlichen Freizeitkultur und konnten, zumindest wenn sie in Ostberlin und im Berliner Umland wohnten, bei ihren Besuchen in Westberlin daran noch direkt teilhaben. Als dieser Weg versperrt war, reagierten sie vielfach wütend. Aus dem nördlich von Westberlin liegenden Hennigsdorf berichtete die Staatssicherheit am 14. August etwa, Jugendliche hätten gedroht, »sie würden einen Grenzdurchbruch unternehmen, wenn sie nicht mehr nach Westberlin gelassen werden«.
Daniela Münkel
Textauszug aus:
Die DDR im Blick der Stasi 1961
Die geheimen Berichte an die SED-Führung
Bearbeitet und herausgegeben von Daniela Münkel im Auftrag des BStU,
Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen Juni 2011. Zusätzlich enthält das Buch die komplette Edition des Jahrgangs 1961 auf einer CD.
ISBN 978-3-525-37503-7
TERMINHINWEIS: Die offizielle Buchvorstellung mit Roland Jahn und Prof. Dr. Daniela Münkel findet am Donnerstag, den 23. Juni 2011 um 19 Uhr Open Air auf dem Mauerstreifen gegenüber dem Berliner Mauer-Dokumentationszentrum Bernauer Straße 111 statt. Weitere Diskussionsteilnehmer sind die Schauspielerin Eva-Maria Hagen und der ehemalige Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Schütz.
Buchcover "Die DDR im Blick der Stasi 1961- Die geheimen Berichte an die SED-Führung", erschienen im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht im Juni 2011. Dahinter der im Vorjahr erschienene Band 1988. Der Band 1976 liegt unter www.ddr-im-blick.de bereits komplett online vor.
Quelle: BStU
Die Autorin Daniela Münkel ist Forschungsprojektleiterin in der Abteilung Bildung und Forschung des BStU und Herausgeberin der Reihe "Die DDR im Blick der Stasi - die geheimen Berichte an die SED-Führung". Bisher erschienen sind die Bände 1976 und 1988, mehr dazu unter www.ddr-im-blick.de. In Arbeit ist derzeit die Sammlung der MfS-Berichte über das Jahr 1953. Das hier abgedruckte Kapitel ist der Einleitung des Bandes über die ZIG-Berichte 1961 auf den Seiten 31-36 entnommen und trägt den Titel "Der Mauerbau und die unmittelbaren Reaktionen".
Ein Hinweis zur Unterscheidung der Begriffe ZAIG und ZIG:
Ab 1965 wurde die "Zentrale Informationsgruppe" des MfS umgetauft - in ZAIG statt ZIG. Ab dann hieß die Abteilung "Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe" des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR.
Text-Quellen:
(1) Vgl. dazu ausführlich Wagner, Armin: Walter Ulbricht und die geheime Sicherheitspolitik der SED, Berlin 2002, S.431ff.
(2) Information 413/61.
(3) Information 414/61.
(4) Information 413/61.
(5) Information 417/61.
(6) Information 416/61.
(7) Information 421a/61.
(8) Information 423/61.
(9) Ebenda.
(10) Ebenda.
(11) Information 440/61.
(12) Fernschreiben des BND, 18.8.1961, S. 718. Vgl. dazu Münkel, Daniela: CIA, BND, MfS und der Mauerbau. In: Henke, Klaus-Dietmar (Hg.): Die Mauer. Errichtung, Überwindung, Erinnerung. München 2011.
(13) Kwizinski, Julij A.: Vor dem Sturm. Erinnerungen eines Diplomaten. Berlin 1995, S. 180.
(14) Vgl. dazu allgemein Kowalczuk, Ilko-Sascha: Die innere Staatsgründung. Von der gescheiterten Revolution zur verhinderten Revolution 1961. In: Diedrich, Torsten; Kowalczuk, Ilko-Sascha: Staatsgründung auf Raten? Auswirkungen des Volksaufstandes 1953 und des Mauerbaus 1961 auf Staat, Militär und Gesellschaft der DDR. Berlin 2005, S.341–378; Eisenfeld, Bernd; Engelmann, Roger: Mauerbau. Fluchtbewegung und Machtsicherung. Berlin 2001,S.73ff.; Stadelmann-Wenz: Widerständiges Verhalten, S.105ff.; Major: Stimmung.
(15) Information 414/61
(16) Information 415/61.
(17) Information 416/61.
(18) Ebenda.
(19) Information 415/61.
(20) Information 416/61.
(21) Information 417/61.
(22) Information 414/61.

