Rechtsextremismus in der DDR
Was die Stasi über Neonazis wusste. Ein Forschungsbericht des BStU aus dem Jahr 1993 zum Download
Die DDR rühmte sich in ihrer Propaganda stets, ein antifaschistischer Staat zu sein, der den Ungeist des Nationalsozialismus "mit Stumpf und Stiel ausgerottet" habe. Bei näherer Betrachtung eine Selbsttäuschung.
Nachdem es Anfang der 90er Jahre nach der deutsch-deutschen Wiedervereinigung zu massiven ausländerfeindlichen Gewalttaten von Neonazis in den neuen Bundesländern kam, untersuchte BStU-Forscher Walter Süß die Stasi-Akten zu diesem Themenkomplex. Ihre Erkenntnisse hielten Stasi und SED damals unter Verschluss, da ihnen die recherchierten Fakten offensichtlich nicht ins sozialistische Weltbild passten.
Stasi-Ermittlungsfoto vom 24.10.1985 aus der NVA-Kaserne Grimme nahe Magdeburg. Ein Wehrpflichtiger hatte mehrere Hakenkreuzschmierereien in der Kaserne hinterlassen, auch auf einem Honecker-Portrait.
Quelle: BpB DVD Feindbilder / Kapitel 1
Den damals aufgefundenen Stasi-Akten zufolge registrierte die Staatssicherheit bereits seit 1982/83 ein vermehrtes Auftreten von "neofaschistisch" gesinnten Skinheads in militanter Bekleidung, insbesondere im "negativen Fußballanhang" (Stasi-Jargon). Sie hätten sich als Gegenbewegung zu den Punks verstanden und seien bei tätlichen Auseinandersetzungen "mit Brutalität" vorgegangen. Einige Beispiele listet ein MfS-Papier aus dem Jahr 1987 auf:
Quelle: BStU / MfS-Dokument aus: W.Süß, "Zur Wahrnehmung und Interpretation des Rechtsextremismus in der DDR...", S. 91 (siehe Download)
Das Auftreten dieser rechtsgesinnten Skinheads sei "gekennzeichnet durch übersteigertes "Nationalbewußtsein als Deutsche", Rassenhaß und Ausländerfeindlichkeit verbunden mit der Übernahme faschistischen Gedankenguts", hielt die Stasi in einer "Einschätzung" aus dem Jahr 1987 fest.
Damals habe die Stasi-Hauptabteilung XX in der DDR rund 800 Personen aus ca. 38 Gruppierungen im Alter von 16 - 25 Jahren gezählt, die "durch ihr äußeres Erscheinungsbild und ihre Verhaltensweisen den Skinheads zuzuordnen" seien. Deren Zahl nahm stetig zu. Am 1.10.1988 zählte das MfS bereits 1067 "Skinheads", die meisten davon in Berlin (447), Potsdam (120), Leipzig (88), Frankfurt/Oder (82), Magdeburg (66), Cottbus (53), Gera (39), Erfurt (38) und Halle (36).
Als Skinheads wurden von der Stasi "solche Jugendliche definiert, die sich auf der Grundlage der faschistischen Gesinnung rowdyhaft verhalten". Aufgrund des "staatlichen Drucks auf diese Personenkreise" hätten sich viele Jugendliche aus dieser Szene allerdings auch "ein ganz normales sportliches Äußeres" zugelegt.
Quelle: BStU / MfS-Dokument aus: W.Süß, "Zur Wahrnehmung und Interpretation des Rechtsextremismus in der DDR...", S. 90 (siehe Download)
Das Dilemma von Kriminalpolizei, Stasi und einer eigens mit Forschungen zu diesem Thema beauftragten Wissenschaftlerin der Berliner Humboldt-Universität bestand in der Erkenntnis, die ein MfS-Offizier am Rand eines der Dokumente notierte: "Der Kern der hier zu untersuchenden Gruppierungen bilden Vertreter der Arbeiterklasse", so zitiert ihn Walter Süß (siehe Download S. 36).
Der BStU-Forscher schreibt in seiner Studie weiter: "...Die Auseinandersetzung wurde für die Vertreter des Systems dadurch erschwert, dass sich die Skins "moralischer Werte der sozialistischen Gesellschaft als Zielgröße" bedienten", so habe es damals die an der Humboldt-Universität eingesetzte Soziologin Loni Niederländer ausgedrückt. Die Autorin nenne beispielhaft das Verhältnis zur Arbeit. Zu denken sei aber auch an Normen wie "Ordnung" und "Sauberkeit", oder daran, dass viele dieser Jugendlichen "wegen ihres vorbildlichen Verhaltens in der GST", der paramilitärischen Gesellschaft für Sport und Technik "gelobt" worden seien (siehe Download S. 37).
Schuld für die Entwicklung in der DDR suchte die Stasi beim Klassenfeind im Westen und registrierte aufmerksam Kontakte der "neofaschistischen" Szene in der DDR "zu ähnlichen Personen" aus Hamburg, Westberlin und Schweden. Deren Aktivitäten "blieben nicht ohne Auswirkungen auf Entwicklungestendenzen unter negativ-dekadenten Jugendlichen in der DDR, insbesondere durch die Reisetätigkeit von Skinheads aus dem Operationsgebiet in die DDR", analysierte die MFS Hauptabteilung XX 1987 in ihrer "Einschätzung":
Quelle: BStU / MfS-Dokument aus: W.Süß, "Zur Wahrnehmung und Interpretation des Rechtsextremismus in der DDR...", S. 88 (siehe Download)
Die BStU-Publikation "Zu Wahrnehmung und Interpretation des Rechtsextremismus in der DDR durch das MfS" enthält die oben auszugsweise abgebildeten Stasi-Dokumente komplett. Sie gibt den Forschungsstand von 1993 wieder und enthält in ihrem Anhang zahlreiche weitere Aktenkopien aus Dienstanweisungen, Richtlinien und "Hinweisen" der MfS-Spitze sowie aus zusammenfassenden Berichten der zuständigen MfS-Hauptabteilung HA XX in Berlin.
Die bibliografischen Angaben:
Dr. Walter Süß
Zu Wahrnehmung und Interpretation des Rechtsextremismus in der DDR durch das MfS
Analysen und Berichte, Reihe B
108 Seiten
BStU
Preis: 5,00 Euro
ISBN 978-3-942130-42-4.
- Kostenloser DOWNLOAD: Zu Wahrnehmung und Interpretation des Rechtsextremismus in der DDR durch das MfS (PDF, 25MB, Datei ist nicht barrierefrei)
Ergänzend zum Thema:
- Wie die Stasi Nazi-Verbrecher als Spitzel warb, ein Text von Sven-Felix Kellerhoff auf der Basis eines Aufsatzes von Henry Leide (BStU)
Nachstehend zwei Interviews des Bundesbeauftragten Roland Jahn aus dem Februar 2012. Sie stehen in Zusammenhang mit den Enthüllungen über die Jenaer rechtsterroristische Vereinigung NSU, deren Wurzeln möglicherweise auch bis in die DDR zurückreichen:
- "Warum sind Menschen so ideologisch verbohrt?"
Interview mit Roland Jahn aus der Thüringer Allgemeinen vom 12.2.2012
- "Jena zu stigmatisieren, ist falsch"
Interview mit Roland Jahn aus der Berliner Zeitung vom 6.2.2012
Ein Ergebnis dieser Debatte:
Uni Jena gründet Kompetenzzentrum zur Erforschung des Rechtsextremismus unter Berufung auf Roland Jahn:
Deutschlandradiobeitrag vom 16.2.2012
Holger Kulick

