Fotos aus einer verschwundenen Zeit
Kritischer Blick auf den Alltag in der DDR: Ausstellungseröffnung im Berliner Bildungszentrum des BStU
Am 16. Februar 2012 wurde die Fotoausstellung "Grüße aus der DDR" mit Bildern von Siegfried Wittenburg, Fotograf aus Rostock, im Bildungszentrum des BStU in der Zimmerstraße eröffnet.
Der Titel mag verklärend erscheinen, aber Wittenburg sagt selbst: "Wer meine Bilder sieht, versteht den Titel". Denn Wittenburgs fotografische Arbeiten sind nicht nostalgisch. Sie versammeln trostlose Neubaugebiete, leere Schaufenster, Schlangen vor den Geschäften - Alltagsszenen einer verschwundenen Zeit. Wittenburgs Bilder erschließen sich oft erst auf den zweiten Blick: Da entdeckt man beim Betrachten eines Ehepaars im DDR-typisch eingerichtetem Wohnzimmer auf dem Fernsehbildschirm den Bundesadler – hier wird die Tagesschau geguckt. Diese Augenöffner sind es, die den Besuchern oft ein leises Auflachen entlockten.
Die Gäste der Ausstellungseröffnung diskutierten angeregt über die Fotografien von Siegfried Wittenburg.
Quelle: BStU/Hiebsch
In den 70er Jahren setzte in der Fotografie der DDR ein Wandel ein: Der offiziellen Darstellung des real existierenden Sozialismus wurden Bilder entgegengesetzt, die zeigen "wie diese Gesellschaft wirklich ist". Sie erzählen von Verfall und Stillstand, von den "normalen Menschen" und ihren Problemen. Dies war nicht im Sinne der Staatsführung. Christian Halbrock, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des BStU, sprach bei der Ausstellungseröffnung eindringlich über die Gefahr, der sich Fotografen wie Wittenburg dabei aussetzten.
Auch Wittenburg geriet gleich mit seiner ersten Arbeit in das Visier der Stasi. Bei einem Fotowettbewerb reichte er eine Serie über Neubaugebiete ein. "Ich ging einfach vor die Haustür", erinnert er sich. Man sieht graue Hochhäuser, verdreckte Wege, einsame Gestalten. Der Stasi-Spitzel IMS "Quartier" schreibt 1985 über Wittenburg: "Offensichtlich versucht er auch mit bestimmten Bildern seine kritische Grundhaltung zu verdeutlichen (Darstellung von unansehnlichen Neubaugebieten) (…)".
Wittenburg hatte zu den Ersten gehört, die im Sommer 1990 Einsicht in Ihre Stasi-Akten beantragt hatten, noch handschriftlich, mitten in der politischen Diskussion um Vernichtung oder Aufarbeitung der Akten. Die Idee war, das Bedürfnis der Menschen nach Aufarbeitung durch diese Erstanträge deutlich zu machen.
Der Fotograf Siegfried Wittenburg im Gespräch mit Peter Boeger, Leiter des Bildungszentrums des BStU und Christian Halbrock, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des BStU (von rechts nach links).
Quelle: BStU/Hiebsch
Heute ist es Siegfried Wittenburgs wichtigstes Anliegen, Jugendlichen vom Alltag in der DDR zu erzählen. Demnächst erscheint ein Bildband unter dem Titel "Leben in der Utopie" mit kleinen Geschichten über die Skurrilitäten des Alltags in der DDR.
Maria Hiebsch
- Das Bildungszentrum des BStU in Berlin

