„Tod, wo andere Urlaub machen“
Eine bewegende Diskussion in Leipzig über das Schicksal von DDR-Flüchtlingen in Bulgarien
Am Abend des 9. Februar fand in der Außenstelle des BStU in Leipzig eine sehr bewegende Filmaufführung und anschließende Podiumsdiskussion statt. Gezeigt wurde der 45-minütige Dokumentarfilm „Die Vergessenen. Tod, wo andere Urlaub machen“ von Freya Klier und Andreas Kuno Richter.
Die Regisseure schildern darin dramatische Fluchtversuche von DDR-Bürgern über die bulgarische Grenze. Viele dieser Flüchtenden wurden gefasst und ins Gefängnis gesteckt. Etliche bezahlten den Fluchtversuch mit ihrem Leben. Bisher konnten 20 Todesfälle von flüchtenden DDR-Bürgern an der bulgarischen Grenze in den Archiven der bulgarischen Staatssicherheit nachgewiesen werden. So wurden auch zwei männliche Jugendliche aus Leipzig, die im März 1980 über die Grenze in den Westen wollten, trotz erhobener Hände als Zeichen ihrer Aufgabe von bulgarischen Grenzsoldaten erschossen.
Das Podium in Leipzig von links nach rechts: Die ehemalige Europaparlamentarierin Gisela Kallenbach, Prof. Dr. Troebst (Uni Leipzig), die Filmemacherin Freya Klier und Zeitzeuge Thomas Stellmann
Quelle: BStU Leipzig / Heike Lötzsch
Den Impuls zu dem Film bekam Freya Klier von Angehörigen eines erschossenen Flüchtlings. Da die Aufarbeitung dieses Aspekts der DDR-Fluchtgeschichten noch in den Anfängen steckt, nahm sie sich des Themas an, recherchierte in der Außenstelle Leipzig des BStU in den Stasi-Unterlagen und reiste mit ihrem Filmteam an die bulgarische Grenze.
Im Anschluss an die Vorführung fand eine Podiumsdiskussion statt, die von Prof. Dr. Troebst, Professor für Kulturstudien Ostmitteleuropas an der Universität Leipzig, moderiert wurde.Thomas Stellmann (geb. Müller), ein Protagonist des Filmes, erzählte erstaunlich gefasst über die damaligen Erlebnisse. Er hatte 1980 versucht zu flüchten und war dabei angeschossen worden. Im Krankenhaus in Burgas, Bulgarien, mussten die Ärzte ihm den unteren Teil seines Beines abnehmen. Er erzählte von einer mitfühlenden Krankenschwester, die ihm nach zwei Wochen etwas zu schreiben und eine Zahnbürste schenkte. Nach 30 Jahre besuchte er zusammen mit dem Filmteam das Krankenhaus und traf sie wieder.
Schwerfällige Aufarbeitung in Bulgarien
Gisela Kallenbach, ehemaliges Mitglied des Europäischen Parlamentes, berichtete von ihrer Beteiligung an der Aufarbeitung des bulgarischen Geheimdienstes und von den ersten Akten, die sie im Mai 2008 überreicht bekam. Dabei handelte es sich um die Akten von den Toten an der bulgarischen Grenze. Bis heute bleibe der Prozess der Aufarbeitung in Bulgarien recht schwerfällig. Vor jeder neuen Wahl gebe es das Versprechen, dass die Geschichte aufgearbeitet werden soll. Passiert sei aber bis heute nicht viel.
Zum Abschluss räumte Freya Klier noch mit einem Gerücht auf. Demzufolge sollte die Stasi eine Kopfgeldprämie für jeden getöteten Flüchtling ausgesetzt haben. In ihren Recherchen fand sie darauf jedoch keinerlei Hinweise. Möglich waren lediglich Sonderurlaube für die an den "Zwischenfällen" beteiligten Grenzer.
Die Wortmeldungen aus dem Publikum zeigten vor allem die Betroffenheit, die der Film bei den Zuschauern ausgelöst hatte. Am darauffolgenden Tag fand eine zweite Filmvorführung statt, diesmal mit Schülern des Reclam-Gymnasiums Leipzig. Auch hier beantworteten Freya Klier, Gisela Kallenbach und Thomas Stellmann viele Fragen der außerordentlich interessierten Schülerinnen und Schüler. Vor allem Zeitzeuge Herrn Stellmann wurde mit Fragen gelöchert, wie: Was haben Sie gefühlt, als Sie geflohen sind? Warum wollten Sie eigentlich fliehen? Wann haben Ihre Eltern davon erfahren?
Freya Klier und Thomas Stellmann im Kreis der an der Diskussion beteiligten Schülerinnen und Schüler.
Quelle: BStU Leipzig / Heike Lötzsch
Stellmann schilderte ausführlich, wie seine Eltern mit seiner Flucht umgingen. Er habe ihnen nicht erzählt, dass er versuchen wird zu fliehen, aber irgendwie hätten sie es doch gespürt. Seine Mutter habe beim Abschied geweint und sein Vater habe merklich geschluckt, als er sich zu seiner Bulgarien-Reise verabschiedet habe. Über seine Verhaftung seien sie dann offiziell erst einen Monat danach unterrichtet worden, aber heimlich habe er es geschafft, eine Nachricht an seine Eltern aus seinem bulgarischen Gefängnis zu schmuggeln, so dass sie früher auf dem Laufenden waren, als die Stasi ahnte.
Franziska Scheffler
- Ergänzend zum Thema: Über Bulgarien heimlich nach Österreich. Die Geschichte einer unentdeckten Flucht
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