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"Damit meine Kinder nie ostalgieanfällig werden"

Reflexionen von Besuchern des Bürgertags in der ehemaligen Stasi-Zentrale. Ein Streifzug.

Schlangestehen beim Bürgertag vor einer Stellwand mit der Aufschrift "Wissen wie es war"Schlangestehen beim Bürgertag, um mehr über das Wirken der DDR-Geheimpolizei zu erfahren. Quelle: BStU / Kulick

Es war ein denkanstoßreicher Bürgertag, zu dem der Bundesbeauftragte Roland Jahn am 14. Januar 2012 in das neue STASI Museum Berlin und in das Archiv des BStU eingeladen hatte. Rund 6.000 Besucher kamen. Holger Kulick aus der Online-Redaktion des BStU hat sich unter einigen von ihnen umgehört.

Es ist kurz vor 11 Uhr in der Normannenstraße. Die ersten Besucher des Bürgertags sammeln sich vor dem ehemaligen Mielke-Sitz Haus 1 der DDR-Staatssicherheit. Drei Tage zuvor hat es Staatsminister Bernd Neumann als "STASI Museum Berlin" an BStU und den Bürgerverein ASTAK übergeben.

Unter den ersten Gästen ist Rentner Hermann B. (Name geändert). Er sei eigentlich ein klassischer „Westdeutscher“ und betrete erstmals das ehemalige Gelände der DDR-Geheimpolizei. Für diesen Besuch habe er einen langen Anlauf genommen, denn das Thema lasse ihn schon seit Jahren nicht los. Auch seine Familiengeschichte sei eng mit Stasi-Seilschaften verknüpft, sogar bis in die Gegenwart hinein. Die Wurzeln dessen wolle er jetzt endlich erforschen, einen Antrag auf Akten-Einsicht stellen und fragen, wer ihm bei seiner Spurensuche helfen kann.

"Haus 1" in einer alten Schwarzweiß-Aufnahme des MfS. Im zweiten Stock residierte Stasi-Chef Erich Mielke"Haus 1" in einer alten Schwarzweiß-Aufnahme des MfS. Im zweiten Stock residierte Stasi-Chef Erich Mielke Quelle: BStU, MfS, ZAIG, Fo, 598 Bild 73

Dann schildert Hermann B. den Hintergrund. Seine Tochter sei 14 Jahre lang mit einem Mann verheiratet gewesen, der als junger Mann aus dem Taunus in die DDR übersiedelte. Er sei hochintelligent gewesen und habe im Hause vieler Wirtschaftsmächtiger als Klavierlehrer verkehrt. Mit dem Handel von Musikinstrumenten habe er dann im Osten Karriere gemacht und sei als gewiefter Geschäftsmann rasch in das undurchsichtige Geflecht im Dunstkreis des Koko-Wirtschafts-Imperiums der Stasi aufgestiegen. Mehr als 200 Tage im Jahr sei sein Schwiegersohn an unbekannten Orten unterwegs gewesen, häufig in der Schweiz um dort auf neutralem Terrain Geschäfte zwischen ost- und westdeutschen Unternehmen einzufädeln.

Auch nach der Wende hätten sich diese Geschäfte fortgesetzt, dann sei DDR-Devisensicherung das oberste Ziel gewesen - mit Unternehmensgründungen bis hin nach Panama. Die Ehe hielt das nicht aus. Anschließend sei dem Schwiegervater sogar gedroht worden, bloß nichts in dieser Sache zu verraten.

Von Besuchern umlagertes Modell des ehemaligen Stasi-Geländes - zu DDR-Zeiten für Bürger eine 'verbotene Stadt'Von Besuchern umlagertes Modell des ehemaligen Stasi-Geländes - zu DDR-Zeiten für Bürger eine 'verbotene Stadt' Quelle: BStU / Kulick

Hermann B’s Erzählung ist an diesem Tag nur eine von vielen Geschichten über das weit verzweigte Wirken des MfS. Aus manchen Menschen sprudelt Selbsterlebtes nur so heraus.

Auch der Berliner Dieter A. ist mit einer ganz eigenen Erfahrung zum Bürgertag gekommen. 

Der Fahrstuhltechniker hat lange Zeit in direkter Nachbarschaft zur Stasi-Zentrale gewohnt, aber drin war er nie. Er verlor einst infolge des Mauerbaus seine Mutter, erzählt er bedrückt. Sie habe am 13. August 1961 im Westen Berlins bei einem Freund übernachtet. Der habe sie dort beherbergt und gemeint, „in drei Wochen ist der Spuk doch vorüber“. Aber die Mauer wurde höher und blieb. Nach neun Tagen Abwesenheit wurde die Mutter für republikflüchtig erklärt, der Sohn verhaftet, weil er zweimal im Grenzgebiet angetroffen wurde und daher als potentieller Flüchtling galt. Nach der U-Haft steckte ihn die Stasi in ein Jugendheim.

Vergebens habe er gefleht, sich um seine Oma kümmern zu dürfen, aber das wurde ihm verweigert. Was in dieser Zeit aus der Großmutter wurde, wisse er bis heute nicht. Als er wieder frei kam, war sie unauffindbar und möglicherweise schon nicht mehr am Leben. Selbstmord aus Kummer sei nicht auszuschließen, spekuliert er, das beschäftige ihn seitdem.

Einer der Ausstellungsräume des Bürgervereins ASTAK über die ideologische Verblendung in der DDR.In einem der Ausstellungsräume im neuen STASI Museum, gestaltet vom Bürgerverein ASTAK über die Wurzeln ideologischer Verblendung in der DDR. Links im Bild Zeitzeuge Dieter A. Quelle: BStU / Kulick

Nach der Wiedervereinigung hat Dieter A. seine Stasi-Akte beantragt, "sie war zwar nur drei, vier Zentimeter dick", misst er mit seinen Fingern. Aber das Dokument mache auch so schon "den ganzen Wahnsinn deutlich - so viel Aufwand nur über mich". Dabei sei er doch eigentlich "nur ein ganz einfacher Bürger, also so ein ganz normaler kleiner Mensch".

Es sind nicht nur Stasi-Opfer, die sich öffnen. Zwei Bürgerrechtler berichten, dass auf einem der Flure im Archiv-Haus 7 der früher für ihre Überwachung zuständige Stasi-Hauptmann freundlich auf sie zugekommen sei und angeboten habe, sich nach all den Jahren einem Gespräch zu stellen. Schon am Abend verabreden sie sich. An anderen Ecken wird rege debattiert: Wird in der Stasi-Debatte zu viel pauschalisiert? Oder viel zu wenig enthüllt? Vor dem Kinosaal sind nach der Vorführung von Filmen über die Stasi immer wieder solche Sätze zu hören, besonders häufig dieser: "Das haben wir ja gar nicht alles gewusst!".

Eher vereinzelt melden sich auch Verteidiger der DDR zu Wort, die zum Teil auch nicht verheimlichen, in diesem Haus einst tätig gewesen zu sein. Nähere Nachfragen lassen sie aber nicht zu und eine (nach eigenen Angaben) ehemalige MfS-Sekretärin protestiert lauthals, als sie unbeabsichtigt mit auf ein Foto gerät.

Reger Andrang auch im Kinosaal. Dort wurden Dokumentationen und Spielfilme über die Stasi vorgestellt.Reger Andrang auch im Kinosaal. Dort wurden Dokumentationen und Spielfilme über die Stasi vorgestellt. Quelle: BStU / Kulick

Aber auch solche Erinnerungen werden laut: Ein älterer Herr berichtet in Mielkes Vorzimmer, dass er zu Hause noch Souvenirs vom Sturm auf die Stasi vor 22 Jahren hat. Ein ledernes Pistolenhalfter, einen Eingangsstempel und "so eine Art Geheimtinte" habe er am 15. Januar 1990 aus einem verwüsteten Stasi-Büro mitgehen lassen. Und Fetzen von zerrissenen Papieren, wohl aus einem Stasi-Schulungskurs. Bei oppositionellen Gruppierungen müsse man sich immer den Kopf heraussuchen und zusehen, dass man den "einfallsreich gewinnen und umdrehen" kann, habe handschriftlich darauf gestanden.

Vor den Schreibtischen von Mielkes Sekretärinnen bleibt der Rentner mit seiner Begleiterin stehen. Die Schreibtischplatten sind auffallend abgenutzt. "Wie viele Befehle hier wohl abgestempelt wurden, die das Leben von Menschen veränderten?", fragt sie mit bedrückter Stimme und seufzt: "Schade, dass das hier bestimmt nur uns Alte interessiert". Vergeblich habe sie sich bemüht, ihre Enkel mitzunehmen. „Schnee von gestern“ sei das doch "und gar nicht cool", hätten die abgewunken.

Begehrte Lektüre: Kopierte Stasi-Akten. Begehrte Lektüre: Kopierte Stasi-Akten, aus denen viel über Verrat, aber zugleich auch viel über die Zivilcourage von Menschen gelernt werden kann, die sich der Diktatur nicht beugten. Quelle: BStU / Kulick

Vor Ort bietet sich im Lauf des Tages aber doch ein anderes Bild. Der Fachbereich Reko des BStU demonstriert im Archiv das mühsame Zusammenfügen zerrissener Stasi-Akten. Bei diesem Aktenpuzzle schauen auch viele junge Leute neugierig zu, ebenso im Film- und Mediensaal und bei Diskussionsrunden. Und an einem Tisch mit Musterakten fallen ebenso immer wieder Schüler und Studenten auf, die sich in die Dokumente vertiefen. Auch in den Räumen der Bürgerberatung melden sich mehrere jüngere Leute, die erfahren möchten, ob sie als Kinder Einsicht in Stasi-Akten verstorbener Eltern oder Großeltern nehmen könnten.

In eine der Warteschlangen hat sich Christian E. aus Oldenburg eingereiht. Sein Opa habe nach einer Transitfahrt drei Monate in Bautzen gesessen, aber niemandem erläutert, warum. Die Kinder registrierten damals nur, so erinnert sich Christian E., wie verändert ihr Opa gewesen sei. Und Transitreisen durch die DDR habe er ab diesem Zeitpunkt verweigert. "Meine Mutter hat sich nie getraut, ihn danach zu fragen", berichtet der junge Oldenburger, jetzt wolle er die Geschichte aufklären und prüfen lassen, ob es dazu Stasi-Akten gibt.

Schnappschuss im Foyer von Haus 1: Professor Jie-Hyun Lim aus Südkorea fotografiert die Büste des ersten russischen Geheimdienstchefs Feliks E. Dzierzynski Schnappschuss im Foyer von Haus 1: Ein Besucher aus Südkorea fotografiert die Büste von Erich Mielkes großem Vorbild, dem russischen Geheimdienstgründer Dzierzynski Quelle: BStU / Kulick

Im Foyer von Haus 1 fällt kurz vor Ende des Bürgertags ein Fotograf auf, der ausgiebig Fotos von einer Büste des ersten russischen Geheimdienstchefs Feliks E. Dzierzynski schießt. Nach ihm wurde 1967 das Stasi-Elite-Wachregiment benannt, das Partei-, Regierungs- und MfS-Gebäude schützen sollte. Was denn an der Büste interessant sei, will ein anderer Besucher wissen. "Das ist Dzierzynski - mit ihm fing alles Unheil an" entgegnet der Fotograf und stellt sich vor. Es ist Jie-Hyun Lim, ein Geschichtsprofessor aus Südkorea, derzeit zu Gast beim Wissenschaftskolleg zu Berlin.

Diktatur- und Nationalismusforschung seien seine Spezialgebiete und derzeit beschäftige er sich mit dem Phänomen, "dass es am Ende einer Diktatur immer nur Opfer gibt, als solche sähen sich in der Regel auch die Täter". Das Stasi-Archiv imponiere ihm enorm, denn gerade für Südkoreaner sei diese Form von deutscher Geschichts-Aufarbeitung beispielhaft. "Auch wir in Südkorea hatten eine Diktatur, aber danach keinen solchen Zugang zu Geheimdienstakten um unsere Vergangenheit zu erhellen".

Installation im Stasi-Paternoster: Filmmaterial der DDR-StaatssicherheitInstallation im Stasi-Paternoster: Filmmaterial der DDR-Staatssicherheit. Am rechten Bildrand Bürgertagsbesucher Helson B. Quelle: BStU / Kulick

Einer der letzten, der am Abend das Gelände verlässt, ist Helson B., ein junger Familienvater mit zwei ungeduldig gewordenen kleinen Kindern. Er habe damals eine Freundin in Ost-Berlin gehabt und auch seine heutige Frau stamme aus der DDR. Alle hätten mittlerweile ihre Stasi-Akten studiert. Ihn als Westler habe die Lektüre dabei besonders überrascht. Ausgerechnet einer seiner besten Freunde im Westen habe schon seit der Zivildienstzeit für die Stasi gespitzelt und zum Beispiel gemeldet, wer von seinen Freunden in West-Berlin bei einer Demonstration gegen Rumäniens damaligen Diktator Nicolae Ceaușescu beteiligt war.

Nachdem er in den Akten auf diese Information gestoßen sei, habe er seinen "Stasi-Kumpel" aufgesucht. "Ich hab doch nichts über Dich verraten, Du warst doch nur ein kleines Licht", habe der versucht, den Verrat herunterzuspielen.

Seine Kinder zerren indessen noch ungeduldiger an ihrem Papa. Die habe er extra in das neue STASI Museum mitgenommen, verabschiedet er sich, "damit sie nie ostalgieanfällig werden".

Gemeinsame Besichtigung von Haus 1 durch die drei bisherigen Bundesbeauftragten. Gemeinsame Besichtigung von Haus 1 durch die drei bisherigen Bundesbeauftragten. Als "Campus der Demokratie" definierte Roland Jahn bei der Eröffnung die Zukunft der ehemaligen Stasi-Zentrale. Joachim Gauck sprach von einer "Apotheke gegen Ostalgie". Quelle: RBB-Online


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