Rund 6.000 Besucher beim Bürgertag
Das Motto: "Wissen wie es war". Der Anlass: "20 Jahre Öffnung der Stasi-Akten". Ein Überblick über den Bürgertag des BStU 2012
Der Auftakt des Bürgertags: Besucher warten auf die Eröffnung von Haus 1. "Dies ist keine Besetzung mehr, sondern die Inbesitznahme", kommentierte Museumsleiter Jörg Drieselmann
Quelle: BStU / Kulick
Rund 6.000 Besucher nutzten am 14. Januar 2012 die Einladung des Bundesbeauftragten zum Bürgertag. Sie wanderten durch das ganztätig geöffnete Stasi-Archiv, besuchten Podiumsdiskussionen in der ehemaligen Stasi-Kantine und erkundeten das gerade sanierte Haus 1, den ehemaligen Dienstsitz des Ministers für Staatssicherheit. Das Haus ist fortan ein vom Bürgerverein ASTAK und dem BStU gemeinsam betriebenes Museum - das STASI Museum Berlin.
Zwei Bürgerrechtler eröffnen das STASI Museum: der amtierende Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen Roland Jahn (r.), der 1983 gewaltsam von der Stasi aus der DDR abgeschoben wurde und Jörg Drieselmann (l.), 1973 zu vier Jahren Haft verurteilt, nachdem er in Erfurt auf an der Mauer getötete Flüchtlinge aufmerksam machen wollte.
Quelle: BStU / Kulick
Rund 150 frühe Gäste des Bürgertags gehörten kurz vor 11 Uhr zu den ersten, die das Gebäude, das nun STASI Museum Berlin heißt, betraten. „Lassen Sie uns gemeinsam den Dienstsitz Mielkes für die Bürger nutzbar machen“ hatten zuvor Roland Jahn und ASTAK-Museumsleiter Jörg Drieselmann die Gäste begrüßt.
Die meisten Besucher zog es zunächst in den zweiten Stock. Dort steht der „Schreibtisch der Macht“ wie ein Betrachter ihn nannte. Von hier dirigierte Erich Mielke den Geheimpolizeiapparat. Mit neugierigen Blicken wurde die holzvertäfelte Chefetage im zweiten Stock gemustert und abfotografiert. „Spießig und miefig“ kommentierten zwei Schülerinnen, „aber zu damaligen Verhältnissen ganz schön teuer“ entgegnete eine ältere Frau.
Meistfotografiertes Objekt im STASI MUSEUM: Der "Schreibtisch der Macht" des ehemaligen Stasi-Chefs Erich Mielke
Quelle: BStU / Holger Kulick
Der Ort regte zu Diskussionen an. Besucher die sich gar nicht kannten, vor allem vielen Ältere, berichteten von eigenen Erlebnissen mit der Stasi. Jüngere hörten zu. Manche erzählten Bedrückendes, über erlittenes Unrecht durch die Stasi, aber auch Ermutigendes, von der Erstürmung der Stasi-Zentralen während der Friedlichen Revolution 1989/90 in der DDR.
Gegenüber, in Haus 22, der ehemaligen Kantine der Stasi, fanden im Halbstundenrhythmus Podiumsdiskussion statt. Von der allerersten Bürgereinsicht über die Grundlagen des Stasi-Unterlagen-Gesetzes bis hin zu psychosozialen Folgen von Stasi-Haft tauschten sich die Diskutanten vor einem größeren Publikum aus. Darunter waren prominente Zeitzeugen, wie die Bürgerrechtler Ulrike Poppe, Vera Wollenberger und Rainer Eppelmann, aber auch Schüler und Fachexperten.
Lehrreiche Aufarbeitung: die beiden Schülerinnen Mayke Dombrowski aus Bad Doberan und Nadine Schrempel aus Grimma schilderten kreative Wege, wie sich junge Leute DDR-Geschichte mit Zeitzeugen erschließen - motivierende Lehrer vorausgesetzt.
Quelle: BStU / Kulick
So schilderte der Diplom-Psychologe Stefan Trobisch-Lütge, dass sich Jüngere immer häufiger darum bemühen, Verstrickungen ihrer Familien in das DDR-System oder Traumata ihrer Eltern, wenn sie Stasi-Opfer waren, aufzuarbeiten. Es gebe nicht wenige Kinder, die darunter leiden, dass ihre Eltern etwas aus der DDR extrem bedrückt, über das sie auch 22 Jahre nach der Wende nicht reden möchten. Doch auch auf die Psyche ihrer Kinder wirke sich das Ungeklärte aus, bis in Albträume hinein, schilderte der Experte.
Gut besucht war auch eine Bürgersprechstunde mit dem Bundesbeauftragten, der sich eine knappe Stunde vielerlei Fragen zu den Akten und zur Arbeit der Behörde stellte.
Fragesteller an Roland Jahn
Quelle: BStU / Kulick
Den Abschluss in Haus 22 bildete um 16.00 Uhr eine einstündige Diskussion der beiden ehemaligen Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen Joachim Gauck und Marianne Birthler mit dem jetzigen Amtsinhaber Roland Jahn (Videomitschnitt).
Vom schwierigen Anfang vor mehr als 20 Jahren war die Rede, von umstrittenen IM-Enthüllungen, von den rechtlichen Auseinandersetzungen mit Altbundeskanzler Helmut Kohl und von den Herausforderungen heute, das Vergangene und die Lehren daraus für eine neue Generation lebendig zu halten. Auch die aktuelle Debatte um die Beschäftigung ehemaliger Hauptamtlicher Stasi-Mitarbeiter in der Behörde kam nicht zu kurz. In dieser Frage wurden auch unterschiedliche Ansichten laut, nebst Reaktionen im Publikum.
Streitbare Diskussion in gelöster Atmosphäre. Die drei bisherigen Bundesbeauftragten Joachim Gauck (l.), Marianne Birthler und Roland Jahn werteten ihren Disput über die Weiterbeschäftigung einstiger Stasi-Mitarbeiter als "gelebte Demokratie". Am Bildrand rechts Moderator Hans-Jörg Vehlewald
Quelle: BStU / Kulick
Haus 7 auf dem ehemaligen Stasi-Komplex war am Bürgertag den Inhalten aus den Akten gewidmet. Nicht nur in Ausstellungen und bei Kinovorführungen bot sich zahlreichen Bürgern Gelegenheit, die vielfältigen Inhalte der Akten kennen zu lernen - und die unterschiedlichen Arbeitsbereiche der Behörde. Auch ein Arbeitssaal jener BStU-Abteilung konnte besichtigt werden, die zerrissene Stasi-Akten rekonstruiert. Mehr als 15.000 Säcke mit von der Stasi 1989/90 vorvernichtetem Material lagern noch in den Archiven des BStU, die es zu erschließen gilt.
Nicht nur das Archiv konnte besichtigt werden, auch ein Arbeitsraum der BStU-Abteilung, die zerrissene Stasi-Akten rekonstruiert
Quelle: BStU / Kulick
Im 3.Stock schließlich konnten sich Besucher selber in das Berliner Stasi-Archiv vorwagen und beispielhafte Stasi-Akten einsehen. Der Blick in das „Monument der Überwachung“, das Archiv mit den Stasi-Unterlagen, ist in der Regel nur bei geführten Rundgängen möglich. Für den Bürgertag war es ganztätig geöffnet und viele Besucher nutzten die Gelegenheit, einmal aus nächster Nähe zu betrachten, wo und wie die im Jahr 1990 von Bürgern gesicherten Stasi-Akten lagern.
Ergänzend stand eine Auswahl aufgefundener Tobänder und Videos der Stasi zum Anhören und Betrachten an Medienstationen zur Verfügung. Die Terminals wurden unablässig genutzt.
Im Medienraum hatten BStU-Archivare eine Auswahl von Ton-und Bilddokumenten der Stasi zur Auswahl zur Verfügung gestellt.
Quelle: BStU / Kulick
Ganz besonderer Andrang herrschte bis zum Abend auf dem Flur der Bürgerberatung. Insgesamt 460 Besucher holten sich an diesem Bürgertag Rat und stellten einen Antrag auf Akteneinsicht, davon 300 einen Erstantrag.
Einige erzählten, warum sie sich erst jetzt trauten, diesen Schritt zu tun. Lange Zeit hätten sie das Thema von sich fern halten wollen, weil für sie Schmerzen damit verbunden seien. Jetzt aber würden ihre Kinder sie drängen, die Augen nicht länger vor der Vergangenheit zu verschließen oder sie wollten ihre eigene Geschichte "beleuchten, bevor wir in der Kiste sind", sagte ein Berliner Rentner in eine Fernsehkamera.
Von 6.000 Besuchern stellten rund 500 einen Antrag auf Akteneinsicht, davon waren 300 Erstantragssteller.
Quelle: BStU / Kulick
- Videomitschnitte und Audiomitschnitte der Debatten am Bürgertag
- Zu einer weiteren Reportage von von Internet-Mitarbeiter Holger Kulick über Gespräche mit Besuchern des Bürgertags
- Weitere Termine in den Außenstellen des BStU aus Anlass der Öffnung der Stasi-Akten vor 20 Jahren

