Und Ihre Akte?
20 Jahre Stasi-Unterlagen-Gesetz, 20 Jahre Akteneinsicht. Welche Erfahrungen mit der DDR-Geheimpolizei haben Sie gemacht? Bitte berichten Sie uns!
Im Archiv des BStU
Quelle: BStU / Holger Kulick
Vor 20 Jahren, am 29. Dezember 1991, trat das Stasi-Unterlagen-Gesetz in Kraft. Seit dem 2. Januar 1992 können Bürgerinnen und Bürger die über sie angelegten Stasi-Akten einsehen, Überprüfungen im öffentlichen Dienst wurden möglich, Forschung und Medien bekamen Zugang zu den Akten der DDR-Geheimpolizei. Seitdem gingen rund 2,8 Millionen Anträge von Bürgerinnen und Bürger auf Auskunft, Einsicht und Herausgabe von Unterlagen ein. Am 14. Januar 2012 wurde dieses Jubiläum mit einem Bürgertag in der ehemaligen Berliner Stasi-Zentrale begangen. Mehr dazu hier.
Wissenschaftler beim Stasi-Aktenstudium in einem Lesesaal des BStU
Quelle: BStU/Kulick
Doch was hat Betroffenen der Blick in die Akten gebracht? Hat er Zusammenhänge erhellt? Düstere Ahnungen bestätigt? Bitte schildern Sie uns Ihre Erfahrungen mit der Stasi und Ihre persönlichen Lehren aus den Stasi-Akten, ganz egal in welchem Umfang. In loser Folge werden wir diese Schilderungen, Anregungen und Kritik im Lauf des Jahres 2012 veröffentlichen und ergänzend Interviews dazu führen.
Bei der ersten Akteneinsicht am 2. Januar 1992, zu sehen sind unter anderem Eva-Maria Hagen (l.), Katja Havemann (m.), Jürgen Fuchs und Wolf Biermann (r.)
Quelle: BStU / Andreas Schoelzel
Ein erstes Echo gibt es bereits:
„Ich hoffe das die Akten weiterhin von Bürgern eingesehen werden können. Ich habe auch in meine Akten eingesehen. Zur Zeit habe ich bei der Behörde noch einige Fragen zwecks Rehabilitierung eines Urteiles zur Aufklärung. Ich finde es schade, daß einige Politiker die Bespitzelung der DDR Bürger durch die IM,s so klein reden. Ich bin der Meinung nur durch diese Spitzel konnten diese Verbrechen durch die SED Diktatur geschehen….“. Dies mailte bstu.de-Leser Klaus Plock. Er hat angefangen über sein Leben und Arbeiten in der DDR ein Buch zu schreiben, um festzuhalten, wie die Stasi auch seine Biografie beeinträchtigt hat.
Nur im Rahmen von Archivführungen zugänglich: Das Zentralarchiv des BStU
Quelle: BStU / Holger Kulick
Auch bstu.de-Leser Achim Link berichtet:
Er war seinen Angaben zufolge als Redakteur im Bundeswehr-Reservistenverband tätig und von daher, wie er schreibt, „wohl ein 'interessantes Feindobjekt'." Aus seinen Akten erfuhr er, dass er von der Stasi gleich unter zwei Decknamen geführt worden ist. Nun interessiert ihn „vor allem, ob, was und wie viel, aber auch über welche meiner Freunde mein seinerzeit "guter Freund" Informationen an die Stasi geliefert hat“. Er kritisiert Schwärzungen, die aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes in Kopien seiner Stasi-Akten erfolgten: „Gewissheit möchte ich haben und zwar in allen Fakten! Da nützt es wenig, die Namen Dritter zu schwärzen, zumal die ja auch am Verrat beteiligt gewesen sind“. Vergessen könne er nicht, „vergeben schon gar nicht“. Denn aus seiner Sicht sei „nicht auszudenken, was wohl mit uns beobachteten 'Bourgeoisie-Typen' gemacht worden wäre, wenn sich das Rad der Geschichte anders herum gedreht hätte“.
Aktendeckel eines IM-Vorgangs
Quelle: BStU
Über die facebook-Seite des BStU meldete sich indessen Bernd Roth, der, wie er schreibt, als Jugendlicher von der Stasi angeworben wurde:
"Ich bin ein ehemaliger MfS-Offizier-ein Stasi-Täter und ich bin überrascht, dass es nun dieses Forum gibt. Ich wünsche mir nur, dass wir uns erzählen, wie es zu dem kam. Es geht nicht um Akzeptanz - es geht mir um ein besseres Verständnis", mailt Roth und wirbt für seine Form der Stasi-Aufarbeitung, die er in einem Buch niedergeschrieben hat: "Vielleicht kann auch unser einer, ein Stasi-Täter, dazu lernen. Ich dachte als 16jähriger immer, dass ich auserwählt war. Das war wahrscheinlich nicht so... Ich habe das aufgeschrieben: www.amazon.de/dp/B005GRE4JK".
Wilfried Pietzner mailte wiederum als Opfer von Stasi und SED-Diktatur seine Erfahrungen:
"Wer DDR-Bürger war, machte wahrscheinlich ähnliche Erfahrungen und danach Entäuschungen durch wie ich. Eltern sogenannte Republik-Flüchtige, bin also bei Oma grossgeworden. Da Oma "politisch nicht korrekt" war, ab ins Heim (Spezialkinderheim). Nach der Schule ins Wohnheim und ab in den Jugendwerkhof (fast programmiert). Dort arbeitete ich im Bergbau für ein Taschengeld. Später Haft im Lager x in Auflösung und Cottbus wegen Staatsverleumdung für 11 Monate. Ausreise. Als ein Antrag auf Entschädigung gestellt werden konnte der nächste Schock. Spezialkinderheim unwichtig, Jugendwerkhof unwichtig, da bei beidem kein strafrechtlicher Befund vorhanden. Dann entschied das Gericht, meine Verurteilung wegen Staatsverleumdung sei eigentlich eine Beamtenbeleidigung und damit nicht entschädigungswürdig, das war der Knaller. Es wurde Zeit, dass ein Leiter für diese Behörde ernannt wurde, der nicht den Mantel der Barmherzigkeit über das ganze senkt. Wenn Sie mich fragen, ob dies veröffentlicht werden kann, möchte ich Ihre Anfrage mit einem eindeutigen ja beantworten, denn ich glaube in dieser Angelegenheit ist noch viel nachzubereiten."
Hier lagern noch weitere, bislang ungesichtete Dokumente, die über von der Stasi beeinflusste Lebensgeschichten berichten. Rund 100 von 15.000 Säcken mit zerrissenen Stasi-Akten, eingelagert in der Außenstelle des BStU in Magdeburg.
Quelle: BStU / Holger Kulick
Weitere Gespräche mit Aktennutzern wurden von der Redaktion protokolliert:
Und Ihre Meinung über die Stasi-Aufarbeitung? Oder Ihre persönlichen Erfahrungen mit der DDR-Staatssicherheit?
- Bitte schreiben Sie Ihre Reflektionen entweder per Post an BStU-ÖA, Internet-Redaktion, "20 Jahre Akteneinsicht", Postfach 10106 Berlin, z. Hd. Holger Kulick oder benutzen Sie den Feedback-Button am Ende dieses Artikels für eine Mail. Vielen Dank für Ihre Mühe!
Auch wissenschaftliche Debattenbeiträge sollen im Lauf dieses Jahres veröffentlicht werden. Zum Auftakt fand am 7. Dezember 2011 in der Landesvertretung Sachsen-Anhalts beim Bund eine erste Diskussionsrunde statt: "Das Stasi-Unterlagen-Gesetz (StUG) - Glücksfall oder fauler Kompromiss?". Eingeladen hatte der Berliner Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen.
Podiumsrunde am 7.12.2011 in der Landesvertretung Sachsen-Anhalts. Die Teilnehmer v.l.n.r.: Roland Jahn (BStU), Dieter Krüger (Berlin Document Center), Marc-Dietrich Ohse (Deutschland-Archiv), Dr. Klaus Stoltenberg (Ministerialdirigent BJM a.D.) und Dr. Stefan Wolle (Wissenschaftlicher Leiter DDR-Museum)
Quelle: BStU / Holger Kulick
Der Historiker Dr. Klaus Bästlein stellte einleitend Thesen zur Diskussion, die der Berliner Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen veröffentlicht hat. Das Stasi-Unterlagen-Gesetz StUG sei ausbremsend im Interesse der Staatsräson entwickelt worden, nicht aber im Interesse der Aufklärung. Zu viel werde geschwärzt und vorenthalten. Der Bundesbeauftragte Roland Jahn konterte: "Das StUG garantiert Opferschutz und ist eine Erfolgsgeschichte - beispielhaft für Diktatur-Aufarbeitung weltweit".
Unterschiedlicher Ansicht über die Effektivität der Stasi-Unterlagen-Behörde: Der Bundesbeauftragte Roland Jahn (l.) und der Historiker und Jurist Dr. Klaus Bästlein (r.).
Quelle: BStU / Holger Kulick
Und Ihre Meinung?

