Die Festung
Ein Bahnhof unter totaler Kontrolle. Stasi-Bilder aus der Geschichte des „Tränenpalastes“
Der Berliner Bahnhof Friedrichstraße war das Nadelöhr für Zugreisende aus dem Westen in den Osten - und stand unter totaler Kontrolle. Heute, am 14.September 2011, öffnet in der ehemaligen Grenzübergangshalle die Ausstellung "GrenzErfahrungen. Alltag der deutschen Teilung“ vom Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Auch Stasi-Dokumente aus den Archiven des BStU flossen in die Ausstellung ein.
Alltäglicher Andrang auf der Ostberliner Zugangsseite des "Tränenpalastes". In der Warteschlange befinden sich rückreisende Tagesbesucher aus dem Westen und zahlreiche Rentner aus dem Osten, denn DDR-Bürger durften in der Regel erst nach Erreichen des Rentenalters nach Westberlin oder in die Bundesrepublik reisen.
Quelle: BStU MfS HA VI 4371 087
Der S-, U- und Fernbahnhof Berlin-Friedrichstraße lag bis zum Fall der Mauer 1989 im Ostteil der Stadt. Zwar verlief die Mauer als Grenzbefestigung gegen West-Berlin überirdisch rund 1500 Meter entfernt. Dennoch zählte der Bahnhof zu den wichtigsten Grenzübergangsstellen zwischen beiden Hälften der Stadt - neben 13 weiteren Straßen- und acht Wasserstraßengrenzübergangsstellen im Stadtgebiet. Im Bahnhof Friedrichstraße endeten einerseits S-Bahnzüge aus dem Ostteil der Stadt. Zugleich fuhren von hier aus auch S-Bahnen nach Westberlin, im unterirdischen Bereich verkehrten S- und U-Bahnlinien und auf dem Fernbahnsteig fuhren Schnellzüge in die Bundesrepublik ab.
MfS-Skizze der Grenzübergangsstelle (Güst) Friedrichstraße. Durch Anklicken des Fotos sehen Sie einen größeren Bildausschnitt.
Quelle: BStU MfS HA VIII 6318
Unmittelbar nach dem Mauerbau wurde begonnen, den Bahnhof zu einer hermetisch abgesicherten Festung umzugestalten. Das S-Bahnschienennetz wurde am Bahnhof gekappt. Damit wurde verhindert, dass S-Bahnzüge aus dem Osten in den Westteil weiterfahren konnten. Aber auch Prellböcke, automatische Stromunterbrechungen, Zäune, Gitter, Wachtürme und nicht zuletzt bewaffnete Grenzer und Mitarbeiter der Staatssicherheit sorgten dafür, dass es am Bahnhof Friedrichstraße nur relativ selten zu Fluchtversuchen kam. Sichtblenden sorgten dafür, dass der „Ostbahnsteig“ von den beiden „Westbahnsteigen“ nicht einsehbar war.
S-Bahnsteig im Bahnhof Friedrichstraße
Quelle: BStU MfS HA VI 4371 080
1962 wurde für den regen Grenzverkehr am Bahnhof Friedrichstraße ein eigens errichtetes Abfertigungsgebäude eröffnet. Im Volksmund setzte sich für diese Halle schnell die Bezeichnung „Tränenpalast“ durch: Weil sich hier tagtäglich herzzerreißende Abschiede abspielten und ungezählte Tränen flossen.
Der Grenzübertritt war eine Geduldsprobe - Warten im ''Tränenpalast"
Quelle: BStU MfS HA VI 4371 077 bearb
Täglich konnten in den siebziger und achtziger Jahren über den Bahnhof bis zu 30.000 Menschen ein- und bis zu 20.000 ausreisen. Millionen haben diesen Bahnhof bis 1989 als Grenzübergangsstelle benutzt. Da die Bereiche, in denen Westberliner die S- und U-Bahn benutzen konnten, strikt von jenen getrennt waren, die von Ostberlinern betreten werden durften, wirkte der Bahnhof auf Besucher wie ein unübersichtlicher Irrgarten.
Abfertigungsschlange im ''Tränenpalast" 1981
Quelle: BStU MfS HA VI 4371 063
Wer von der einen Stadthälfte in die andere fahren durfte, musste hier unter- und oberirdisch ein Labyrinth von Gängen absolvieren, mehrere Kontrollen von unfreundlichen Grenz-, Zoll- und Staatssicherheits-Mitarbeitern erdulden und durch klinkenlose Türen hindurchgehen, die sich nur auf Knopfdruck öffneten.
Kontrollkabinen im ''Tränenpalast" 1975
Quelle: BStU MfS HA VI 4371 046
Über 140 installierte Videokameras sorgten dafür, dass es keinen öffentlichen Bahnhofsbereich gab, der nicht von einem der Dutzend Bildschirme überwacht wurde. In den achtziger Jahren waren tagtäglich mehrere Hundert DDR-Sicherheitsmitarbeiter mit der Absicherung allein dieses Bahnhofs beschäftigt. Die Staatssicherheit nutzte diesen Bahnhof auch, um Personen und Gepäck illegal von einer Stadthälfte in die andere zu schleusen.
MfS-Observationsfoto eines MfS-Mitarbeiters am Ausgang des Bahnhofs Friedrichstraße vom 11.9.1969
Quelle: BStU MfS HA 4371 013 / Recherche: Frank Ebert
VIDEO ZUM THEMA: Grenzkontrollen in Berlin, u.a. in der Friedrichstraße - Ein Lehrfilm des MfS
Dieser Text von Dr.Sascha-Ilko Kowalczuk, Historiker beim BStU, war in längerer Form Teil der Ausstellung „Der geteilte Bahnhof“ veranstaltet im August 2011 von Kulturprojekte Berlin im Bahnhof Friedrichstraße.
Zur Homepage der Ausstellung im Tränenpalast
LESERKOMMENTAR:
"Habe mir die Ausstellung angesehen, muss leider sagen, dass sie
für mich nichtssagend ist. Allein das Gefühl, dort durch gehen zu müssen
dürfen): das dazugehörige Aufplustern der Grenzer kann man nicht
wiedergeben. Denn selbst wenn man schon dort war, wusste man nicht: lassen die mich nun durch oder nicht.
Als Ausreiser war man ja sowieso ein Verbrecher.Und wenn man heute sieht, wie die Gerichte mit Urteilen
dieses Staates umgehen (Staatsverleumdung als Beamtenbeleidigung),
kann nur mit dem Kopf geschüttelt werden".Wilfried Pietzner, 3.4.2012

