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Binnenansicht eines Verrats

Bericht über eine Filmdiskussion am 30. Mai in Erfurt

Der Bundesbeauftragte und die Regisseurin Heike Bachelier diskutierten am 30. Mai in Erfurt über Schuld und Versöhnung. Anlass war eine Aufführung der Filmdokumentation "Feindberührung". Das Thema: Verrat. Ein Stasi-IM und sein Spitzelobjekt. Zwei Männer, die sich als Studenten kennen lernten und von denen der eine dafür sorgte, dass der andere ins Gefängnis kam. Eine öffentliche Premiere.

Bei der Filmdebatte in Erfurt mit Roland Jahn (l.)Bei der Debatte über den ZDF-Film 'Feindberührung' in Erfurt am 30. Mai 2011. V.l.n.r.: Der Bundesbeauftragten für die Stasi Unterlagen Roland Jahn, der ehemalige Stasi-Spitzel Hartmut Rosinger, Irina Mohr von der Friedrich Ebert Stiftung, das Stasi-Opfer Peter Wulkau, Matthias Wanitschke von der thüringischen Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen und Regisseurin Heike Bachelier. Quelle: BStU

Selten bleibt ein Kinopublikum reglos und stumm, wenn die Lichter wieder angehen. "Feindberührung" ist so ein Film, der diese Reaktion provoziert. So intensiv ist die verfilmte Begegnung eines Stasi-Spitzels mit dem Mann, den er verraten und ins Gefängnis gebracht hat, dass die 180 Zuschauer im Erfurter Kinosaal nicht gleich wieder in der Gegenwart auftauchen. Erst als die beiden Protagonisten, Hartmut Rosinger und Peter Wulkau, mit vier weiteren Diskutanten (der Regisseurin Heike Bachelier, dem Bundesbeauftragten für die Stasi Unterlagen Roland Jahn, Matthias Wanitschke von der thüringischen Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen und Irina Mohr von der Friedrich Ebert Stiftung) vorne sitzen, regt sich auch das Publikum und will weiter zuhören. Mitreden über einen Film, der minutiös den Verrat und die Folgen filetiert, klar und präzise, so präzise wie ihn die Stasi-Akten hergeben, aus denen die beiden Männer gemeinsam vorlesen und an denen sie ihre Erinnerungen abarbeiten.

Auf der Leinwand gehen die beiden auch in den Gerichtssaal, in dem Wulkau vor 30 Jahren zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt wird, weil sein heimlich geschriebener Roman aus Sicht der Stasi zu viel Kritik an der DDR enthielt. "Staatsfeindliche Hetze" nannte es der Richter. Beide besichtigen auch den Knast, die U-Haftzelle, stehen vor der Wohnung, in der sie lange Abende diskutierten und ihre Freundschaft pflegten. Nur um in den Akten nachzulesen, dass Rosinger detailliert dem Stasi-Offizier davon berichtet. Begreifen wie es war. Und einen Weg wieder zu einander finden. "Viel zu selten findet das statt. Ich wünsche mir viel mehr dieser Art von Begegnungen", sagt Roland Jahn in der anschließenden Diskussion und zollt damit auch Hartmut Rosinger, der sich heute öffentlich zu seiner Spitzelei von damals bekennt, Respekt.

Roland Jahn mit den beiden Protagonisten des Films Feindberührung Roland Jahn mit den beiden Protagonisten des Films Feindberührung, Peter Wulkau (l.) und Hartmut Rosinger (r.) Quelle: BStU


Peter Wulkau, der Mann, der die DDR von innen verändern wollte und dann zuerst im Knast und schließlich im Westen landete, analysiert. "39 IM hatten sie auf mich angesetzt. Du warst der einzige, der sich bei mir gemeldet hat und reden wollte. Das rechne ich dir hoch an", sagt er zu dem Mann, der bis heute daran arbeitet, sein Tun zu begreifen. "Am Anfang war ich stolz, dass sie mich für wert befanden, ihnen dabei zu helfen" - den Staat gegen seine vermeintlichen Feinde zu schützen.

Viele im Publikum waren beeindruckt, einige unversöhnlich. "Nicht schon wieder das Opfer beiseite schieben und den Täter hochloben. Das kann es nicht sein." Ein Opfer sei er nicht, sagt Wulkau, er habe sich bewusst entschieden, die DDR anzugehen und dafür die Konsequenzen in Kauf genommen. Exmatrikulation. Aufenthaltsverbot in Leipzig. Bespitzelung. Haft. Ausreise. Den Schmerz, den das öffentliche Bekenntnis zum "Freundesverrat" mit sich bringt, den will er aushalten, sagt Rosinger, auch weil er weiß, wie groß der Schaden war, den er verursacht hat. Begreifen wie es war, differenziert Biografien betrachten, "Feindberührung" ermöglicht dies beispielhaft.

Dagmar Hovestädt, BStU-Pressestelle


Filmplakat "Feindberührung"Filmplakat "Feindberührung"

Der Film "Feindberührung" von Heike Bachelier ist eine Produktion des ZDF-Kleinen Fernsehspiels und wird zur Zeit auf mehreren Filmfestivals aufgeführt. Die Fernsehausstrahlung ist im Herbst 2011 geplant. In der Film-Beschreibung des Senders heißt es:

"Der Student Hartmut Rosinger glaubt in der DDR an den sozialistischen Weg und versucht kritisch eingestellte Jugendliche vom Sozialismus zu überzeugen. Dabei trifft er auf Peter Wulkau, der zu viele Fragen gestellt hat und exmatrikuliert wurde, aber weiter öffentlich seine Meinung äußert. Rosinger wird von der Stasi angeworben und auf den aufmüpfigen jungen Mann angesetzt. Er soll sich näher mit dem "Feind" anfreunden und berichtet fortan als IM "Hans Kramer" über Peter Wulkau - mit fatalen Folgen. Als Wulkau ins Gefängnis kommt, seine Familie zerbricht und der DDR-Apparat in voller Härte zuschlägt, versucht Rosinger Schadensbegrenzung. Aber es ist bereits zu spät und auch er gerät in die Maschinerie der Staatssicherheit.

30 Jahre später treffen sich die Beiden wieder und trauen sich, einen aufrichtigen Blick in das wahre Leben des anderen zu werfen. Die Akten der Staatssicherheit von damals und die emotionale Begegnung der beiden Männer heute fügen sich in diesem Dokumentarfilm zu einer Geschichte über Freundschaft und Verrat, Hoffnung und Enttäuschung, Schuld und Vergebung.

Eine Zeit wird lebendig, in der das Ministerium für Staatssicherheit sein IM-Netz in jedem Winkel der sozialistischen Gesellschaft knüpfte und menschliche Gefühle missbrauchte, um die DDR zu kontrollieren. Der Film zeigt die seltene Begegnung von Täter und Opfer als Chance einer ehrlichen Auseinandersetzung mit persönlicher Schuld vor dem Hintergrund eines perfiden Überwachungsstaates."

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