Virtuelle Rekonstruktion zerrissener Stasi-Unterlagen
Vorgeschichte
[01. Februar 2009] 1995 konnte beim BStU mit der manuellen Rekonstruktion zerrissener MfS-Unterlagen begonnen werden, die damals noch insgesamt ca. 16.000 Säcke füllten. Bis Ende 2008 gelang es, in sorgfältiger, oft mühevoller Arbeit zerrissenes Schriftgut aus knapp 400 Säcken zusammenzusetzen, hauptsächlich Unterlagen der Hauptabteilung XX (Staatsapparat, Kirche, Kultur, „Untergrund“) sowie der Linie XV der Hauptverwaltung Aufklärung aus den Bezirksverwaltungen Gera und Leipzig.
Knapp 900.000 Blatt wurden auf diese Weise wiederhergestellt. Zahlreiche verloren geglaubte Zeugnisse für die Überwachung und „Zersetzung“ politisch missliebiger Gruppen und Personen kamen ans Licht, in einigen Fällen erbrachten die wiedergewonnenen Dokumente den Beweis für wissenschaftlich plausibel gemachte Vermutungen hinsichtlich bestimmter Überwachungs- und Zersetzungsmaßnahmen.
Machbarkeitsstudie
Die manuelle Rekonstruktion zerrissener MfS-Unterlagen ist jedoch kaum geeignet, die sehr große Menge der vorhandenen Schnipsel in einer angemessenen Zeit zu verarbeiten. Angesichts des wichtigen Inhalts der rekonstruierten Unterlagen einerseits und des sehr hohen Zeitbedarfs für die manuelle Rekonstruktion andererseits forderte im Jahr 2000 eine überwältigende Mehrheit der Abgeordneten des Deutschen Bundestags, geeignete Verfahren zu erproben, mit denen die Rekonstruktion vorvernichteter Stasi-Unterlagen auf elektronischem Wege beschleunigt werden könne (BT-Drs. 15/4885).
Virtuelle Rekonstruktion
Quelle: Fraunhofer-Institut
Der BStU schrieb daraufhin europaweit eine Machbarkeitsstudie aus, die klären sollte, ob und mit welchem Aufwand eine virtuelle Rekonstruktion der Unterlagen aus den noch verbliebenen Säcken innerhalb kürzerer Zeit möglich wäre. Den Zuschlag bekam im Jahr 2003 ein Konsortium bestehend aus dem Fraunhofer Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik (IPK) in Berlin sowie der Gesellschaft für beleglose Dokumentenbearbeitung mbH (GbD) in Hamburg.
Im Juli 2003 legte das Konsortium die Ergebnisse seiner Studie vor und beschrieb ein Verfahren zur Rekonstruktion der Unterlagen aus Millionen von Aktenschnipseln. Zahlreiche Abgeordnete des Deutschen Bundestages forderten daraufhin, in einem Pilotverfahren auf Basis des vom Fraunhofer IPK entwickelten Prototyps den Wirkbetrieb zu erproben (BT-Drs. 16/3718).
Pilotverfahren
Am 29. März 2007 wurde dem Fraunhofer IPK der Forschungsauftrag erteilt, im Rahmen eines auf zwei Jahre angesetzten Pilotprojekts von insgesamt 400 Säcken belastbare Aussagen zur virtuellen Rekonstruktion zerrissener Stasi-Unterlagen zu liefern. Die Lieferung der Teilergebnisse erfolgt in Form von Meilensteinen. Zur Begleitung des Pilotverfahrens wurde beim BStU die Projektgruppe „Virtuelle Rekonstruktion zerrissener MfS-Unterlagen“ (PG vReko) gebildet. Die Projektgruppe bündelt mit Mitgliedern aus allen Abteilungen den erforderlichen Sachverstand, um den sich anschließenden inhaltlichen Auswertungsprozess der virtuell rekonstruierten Unterlagen zu steuern. Der Deutsche Bundestag stellte für das Pilotverfahren Haushaltsmittel von insgesamt 6,3 Millionen Euro bereit.
Das Pilotverfahren gliedert sich in zwei Phasen. In Projektphase 1 erfolgt durch das Fraunhofer IPK der Aufbau der technischen Prozesskette für die virtuelle Rekonstruktion. Von den Schnipseln sollen über Hochleistungsscanner hochwertige Abbildungen im Format pdf/a erstellt werden, die jeweils über eine ID eindeutig referenzierbar sind und auf ihre Herkunft (Sack, Diensteinheit des MfS) verweisen. Die sogenannte Puzzle-Software soll die Schnipsel anschließend anhand formaler Übereinstimmungsmerkmale wie Farbe, Risskantenprofil oder Schrift virtuell zusammensetzen und an Bildschirmen alle rekonstruierten Seiten zur inhaltlichen Abnahme anbieten. Nach den Berechnungen des Fraunhofer IPK können mindestens 80 Prozent der gesamten Schnipselmenge im automatisierten Betrieb zu Seiten zusammengesetzt werden. Die übrige Menge kann am Bildschirm interaktiv ergänzt werden, wobei die Software verschiedene Varianten anbietet.
In Projektphase 2, die voraussichtlich ab Mitte 2010 einsetzen soll, erfolgt die rechnergestützte Auswertung der rekonstruierten Seiten. Über eine eigene Softwarelösung werden die aus dem Rechnersystem des Fraunhofer IPK importierten Formal- und Herkunftsdaten anhand weiterer formaler sowie anhand inhaltlicher Indexkriterien erfasst. Zusammengehörende Seiten sollen dabei zu Dokumenten oder Vorgängen verknüpft und erschlossen werden. Das Pilotverfahren endet mit der Begutachtung des quantitativen und qualitativen Mehrwertes der virtuell gebildeten Überlieferung. Insbesondere sollen mit Abschluss des Pilotverfahrens der erreichte Beschleunigungseffekt gegenüber der manuellen Rekonstruktion zerrissener Unterlagen und die voraussichtlichen Kosten einer virtuellen Rekonstruktion im Massenverfahren beurteilt werden.
Das Pilotprojekt findet bereits jetzt international Beachtung unter europäischen Partnerbehörden des BStU und birgt ein hohes Innovationspotenzial für vielfältige Anwendungsfälle der Objektrekonstruktion, so etwa auf dem Gebiet des internationalen Kulturgutschutzes, der Kriminalistik oder der Inneren Sicherheit.
Literaturhinweis
Johannes Weberling, Giselher Spitzer (Hg.): Virtuelle Rekonstruktion "vorvernichteter" Stasi-Unterlagen. Technologische Machbarkeit und Finanzierbarkeit – Folgerungen für Wissenschaft, Kriminaltechnik und Publizistik, 2. Aufl., Berlin 2007 (Schriftenreihe des Berliner Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR; Bd. 21).
[Zur Online-Veröffentlichung auf der Seite des Berliner Landesbeauftragten im pdf-Format]
