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Die Virtuelle Rekonstruktion zerrissener Stasi-Unterlagen

Das Pilotverfahren

Seit 1995 arbeitet die Projektgruppe "Manuelle Rekonstruktion" des BStU. Mit von ihr wiederhergestellten Stasi-Dokumenten konnte nachgewiesen werden, dass die zerrissenen Unterlagen von erheblichem Wert für die Aufarbeitung der SED-Diktatur sind. Die manuelle Rekonstruktion allein ist allerdings mittelfristig nicht geeignet, die große Menge überwiegend kleinteilig zerrissener MfS-Unterlagen so zu verarbeiten, dass Betroffene und Forscher sie nutzen können. Dieses Problem soll die virtuelle Rekonstruktion der zerrissenen Stasi-Unterlagen lösen.

Behandschuhte Hände halten verschieden große, unsortierte SchnipselVerschieden große, unsortierte Schnipsel Quelle: BStU/Jüngert

Im Frühjahr 2007 begann ein Pilotprojekt zur virtuellen Rekonstruktion in Form eines Forschungsauftrags. In diesem Rahmen entwickelt das Fraunhofer Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik (Fraunhofer IPK) eine IT-Anwendung für den "Puzzleprozess". Diese soll das Zusammensetzen von Schnipseln zu einzelnen Seiten ermöglichen ("e-Puzzler").

Im Jahr 2010 stellte der Deutsche Bundestag zusätzliche Mittel zur Verfügung, um den aktuellen Forschungsauftrag auszuweiten. Außerdem soll das Fraunhofer IPK weitere Module entwickeln und auf ihre Umsetzbarkeit testen. Dabei geht es um die Konzeption eines integrierten IT-Verfahrens zur teil-automatisierten Formierung der Einzelseiten zu Dokumenten und Akten. Begleitet wird der an das Fraunhofer IPK vergebene Forschungsauftrag von der beim BStU gebildeten Projektgruppe "Virtuelle Rekonstruktion zerrissener Stasi-Unterlagen" (PG vReko).

Von Schnipseln zu Seiten

Der erste Arbeitsschritt ist die sogenannte Feinsichtung. Hier wird eine inhaltliche Einschätzung der Schnipsel vorgenommen. Diese Auswahl von Säcken nach Wichtigkeit für die virtuelle Rekonstruktion muss getroffen werden, da im Pilotprojekt zunächst nur der Inhalt aus einer kleineren Menge (400 Säcke) rekonstruiert werden soll. Die Schnipsel werden schichtweise einem Sack entnommen, dann nach bestimmten Kriterien begutachtet und unter Wahrung der ursprünglichen Ordnung in einen neuen Sack gefüllt.

Die Kriterien zur Einschätzung der Schnipsel sind einerseits formaler Art, wie z. B. Herkunft der Dokumente, andererseits inhaltlicher Art, wie handelnde und betroffene Personen, Ereignisse sowie Entstehungszeit. Nicht so stark zerrissene Unterlagen (z. B. halbe und geviertelte Seiten) werden den Säcken entnommen und an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Projektgruppe "Manuelle Rekonstruktion zerrissener Stasi-Unterlagen" in Zirndorf weitergeleitet.

Das Puzzeln mit der Hand geht in diesen Fällen schneller, und die Originale können materiell wiederhergestellt werden. Für kleines und äußerlich sehr gleichförmiges Material kommt hingegen nur eine virtuelle Rekonstruktion in Frage.

Stasi-Schnipsel werden vorsoriertVorsortieren der Stasi-Schnipsel Quelle: BStU / Jüngert

Nach der Feinsichtung werden die inhaltlich als interessant eingestuften Säcke für das Scanning vorbereitet. Die Schnipsel werden dazu aus den Säcken in kleine Boxen umsortiert, um ein zügiges und im Falle aufgetretener Fehler schnell wiederholbares Scanning zu gewährleisten. Die während des Zerreißens entstandenen Schichten des Sackes sollen dabei möglichst erhalten bleiben.

Zudem werden physische oder inhaltliche Zusammenhänge berücksichtigt. Zusammen geheftete Schnipsel beispielsweise werden so gescannt, dass die daraus folgende inhaltliche Zusammengehörigkeit der entstehenden Seiten während des gesamten Rekonstruktionsprozesses nicht verloren geht. Foto-Negative, Mikrofiches und -filme kommen nicht mit in den virtuellen Puzzleprozess. Die Schnipsel in den Boxen werden dann zur weiteren Verarbeitung ins Fraunhofer IPK transportiert.

Im Fraunhofer IPK erstellt ein Scanner hochwertige Abbildungen von den Schnipseln. Die Bilddateien sind jeweils über eine ID eindeutig identifizierbar und verweisen auf ihre Herkunft. Die Puzzle-Software, der sog. "e-Puzzler", setzt die Schnipselabbildungen anhand formaler Übereinstimmungsmerkmale wie Farbe, Risskanten oder Schrift zusammen.

Kommt der "e-Puzzler" nicht weiter, wird er von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des BStU unterstützt. Diese bestätigen oder lehnen am Bildschirm Puzzlevorschläge der Software ab bzw. überprüfen die entstandenen Rekonstruktionen auf Vollständigkeit. Ist die Rekonstruktion von Schnipseln eines Sackes beendet, übergibt das Fraunhofer IPK dem BStU die zusammengesetzten Seiten.

Virtuelle Rekonstruktion im Test. Auf dem linken Bildschirm die einzelnen Schnipsel, auf dem rechten Bildschirm die zusammengefügte Seite als Vorder- und Rückansicht.Virtuelle Rekonstruktion im Test Quelle: Fraunhofer IPK

Von Seiten zu Akten

Im Herbst 2013 wies das Fraunhofer IPK nach, dass das oben beschriebene Verfahren des Scannens und Puzzelns prinzipiell funktioniert. Damit ist das Projekt von der Entwicklungs- in die Testphase übergegangen.

Rund 60.000 nutzbare Einzelseiten konnten seither vom Stasi-Unterlagen-Archiv übernommen werden. Dort werden die Unterlagen von den Archivarinnen und Archivaren geordnet und in Zusammenhänge gebracht, sodass aus den einzelnen Seiten neue Akteneinheiten entstehen. Dabei beziehen sie die ggf. vorliegenden manuell rekonstruierten Unterlagen bzw. intakten Materialien mit ein, die den Säcken vor der Digitalisierung entnommen worden sind. Danach stehen die Dokumente zur Nutzung zur Verfügung. Derzeit sind bereits erschlossen und für die Nutzung freigegeben: knapp 30.000 Einzelseiten in 280 Akteneinheiten

In den Reko-Akten finden sich Dokumente aus allen vier Jahrzehnten der DDR. Die bislang ausgewerteten Unterlagen gewähren weitere Einblicke in die Arbeitsweise der Geheimpolizei. Dazu gehören Pläne des MfS für den Verteidigungsfall, ein umfangreicher Untersuchungsvorgang zu einem Nazi-Kriegsverbrecher oder die Ausspähung der Friedensbewegungen in Ost und West der 1980er Jahre. Einige Unterlagen lassen sich konkret bestimmten MfS-Mitarbeitern zuordnen, so dass sich daraus ein Bild zum Arbeits- und Freizeitverhalten der Stasi-Offiziere ergibt. Der Abgleich rekonstruierter Unterlagen mit den bereits vorhandenen Akten des Stasi-Archivs lässt auch Rückschlüsse darauf zu, wie die Geheimpolizei im Herbst 1989 Material vernichtet hat.

So konnten beispielsweise Teile originaler IM-Akten rekonstruiert werden, die bislang als verschollen galten. Dazu gehören mehr als 1.000 Seiten aus der Spitzelakte eines wichtigen Zuträgers der Diensteinheit XX , die u. a. für die Beobachtung und Verfolgung von Opposition, Kirche und Medien verantwortlich war.

Herausforderungen

Aufgrund des komplexen Entwicklungsgegenstandes kam es im Verlauf des Pilotverfahrens immer wieder zu Verzögerungen. Und auch wenn das Fraunhofer IPK erfolgreich nachweisen konnte, dass der "e-Puzzler" funktioniert, wird die Testphase noch eine geraume Zeit in Anspruch nehmen.

Im Projektverlauf zeigte sich, dass der Scanner nicht leistungsstark genug ist, um hunderttausende Schnipsel in einem überschaubaren Zeitraum verarbeiten zu können. Daher plant das Fraunhofer IPK die Entwicklung eines speziellen Hochleistungsgerätes, das die Schnipsel teilautomatisiert und somit schneller scannen kann. Der Deutsche Bundestag hat dem BStU dafür zusätzliche Mittel für das Jahr 2015 zur Verfügung gestellt und damit ein Signal für die Fortführung des Projektes gegeben.

Die archivische Ordnung der rekonstruierten Einzelseiten in zusammenhängende Akteneinheiten ist ebenfalls zeitaufwändig. Je nach Größe des vom Fraunhofer IPK bearbeiteten Sackes müssen die Archivarinnen und Archivare des BStU zum Teil mehrere tausend Seiten in einen Sinnzusammenhang bringen. In diesem Arbeitsprozess sind auch Abgleichsarbeiten mit bereits archivierten Unterlagen nötig, um beispielsweise IM-Vorgänge komplettieren zu können.

Ausblick

Die Virtuelle Rekonstruktion zerrissener Stasi-Unterlagen ist einzigartig, weil sie den weltweit ersten Versuch der virtuellen Wiederherstellung per Hand zerrissener Unterlagen in einer so großen Anzahl darstellt.

Die Verwirklichung des Vorhabens ist aber voraussichtlich nicht nur für den BStU von Nutzen. Ein erfolgreich abgeschlossenes Projekt könnte als Vorreiter für Entwicklungen in ähnlichen Institutionen oder Kultureinrichtungen sowohl national als auch international genutzt werden.

(Stand: 1. Dezember 2015)

Literaturhinweise

  • Andreas Petter: Die Rekonstruktion zerrissener Stasi-Unterlagen: Ursachen, Bedeutung und Perspektiven einer besonderen Fachaufgabe, in: Journal der Juristischen Zeitgeschichte, Jg. 3 (2009), H. 2, S. 61 - 64.
  • Johannes Weberling, Giselher Spitzer (Hg.): Virtuelle Rekonstruktion "vorvernichteter" Stasi-Unterlagen. Technologische Machbarkeit und Finanzierbarkeit - Folgerungen für Wissenschaft, Kriminaltechnik und Publizistik, 2. Aufl., Berlin 2007 (Schriftenreihe des Berliner Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR; Bd. 21). Diese Publikation steht online auf der Seite des Berliner Landesbeauftragten im pdf-Format zur Verfügung.

Ansprechpartner

Joachim Häußler
Leiter der Projektgruppe Virtuelle Rekonstruktion (Berlin)

Dr. Juliane Schütterle
Stellvertretende Leiterin der Projektgruppe Virtuelle Rekonstruktion (Berlin)

Kontakt über die Pressestelle des BStU
Telefon: (030) 2324 - 7171
E-Mail: presse@bstu.bund.de

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