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Rekonstruktion zerrissener Unterlagen

Die Tätigkeit der Projektgruppen "Virtuelle Rekonstruktion" in Berlin und "Manuelle Rekonstruktion" in Zirndorf bei Nürnberg

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Video-Dokumentation über die manuelle und virtuelle Rekonstruktion zerrissener Unterlagen des Ministeriums für StaatssicherheitQuelle: BStU

Die beiden Projektgruppen "Virtuelle Rekonstruktion" und "Manuelle Rekonstruktion" beschäftigen sich mit der Rekonstruktion der zerrissenen Unterlagen eines gewaltigen Repressionsapparates und Geheimdienstes, des Staatssicherheitsdienstes der DDR. Dieser Versuch ist im Archivbereich der Bundesrepublik und vermutlich auch weltweit einzigartig. Die so wiederhergestellten Unterlagen werden anschließend nach archivischen Grundsätzen bearbeitet und nutzbar gemacht. Der BStU stellt sie insbesondere Betroffenen zur persönlichen Einsichtnahme zur Verfügung. Daneben dienen die Unterlagen der Aufarbeitung durch Bildung, Forschung und journalistische Recherche.

Hinterlassenschaft des Ministeriums für Staatssicherheit

Während der Friedlichen Revolution 1989/90 wurden zahlreiche Dokumente - insbesondere IM-Akten und Akten zu Betroffenen - des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) von dessen Mitarbeitern heimlich beseitigt. Grundlage waren mehrere aufeinander folgende Stasi-Befehle, darunter eine Weisung des Leiters des Amtes für Nationale Sicherheit (AfNS) Generalleutnant Wolfgang Schwanitz, vom 22.11.1989 welche die Reduzierung des Bestandes an registrierten Vorgängen und Akten sowie an operativen Materialien und Informationen festlegte. Es wird davon ausgegangen, dass diese Vernichtungsaktionen vor allem dazu dienten, um

  • Quellenschutz zu betreiben, d. h. inoffizielle Mitarbeiter vor Enttarnung zu schützen
  • Zeugnisse für die innere Repression zu beseitigen, insbesondere für die damals noch aktuellen „Bearbeitungen" aus den letzten Jahren der DDR und um
  • Unterlagen zu vernichten, die die Zusammenarbeit mit der SED dokumentieren.

Die Erstürmung der Stasi-Bezirksverwaltungen ab dem 04. Dezember 1989 und die Besetzung der Stasi-Zentrale in Berlin am 15. Januar 1990 unterbrachen das heimliche Vernichtungswerk. Die Bürgerkomitees fanden zahlreiche Unterlagen, die von den Mitarbeitern des DDR-Staatssicherheitsdienstes sowohl zerschreddert als auch von Hand zerrissen und für den Abtransport zur Vernichtung in Müllsäcke verpackt worden waren.

In Tausenden von Säcken, aus der Berliner Zentrale und den Bezirksverwaltungen sowie zahlreichen Kreisdienststellen, fanden sich verschiedene Materialien. Vollgestopft waren die Behältnisse mit zumeist zerrissenem Papier und Karteikarten, mit Knäueln von abgewickelten Tonbändern und Filmen, mit zerkleinerten Fotos und Bildnegativen. Durch die Besetzung der Stasi-Dienststellen retteten die Bürgerinnen und Bürger diese zerrissenen Unterlagen vor ihrer endgültigen Zerstörung.

Da anzunehmen war, dass es sich bei diesen zerrissenen Materialien um brisante Vorgänge, besonders aus den letzten Jahren und Monaten der DDR handelte, wurde der gesamte Bestand zunächst gesichert. Unterlagen, deren Wiederherstellung tatsächlich unmöglich war, wie etwa das sehr klein geschredderte Material oder Unterlagen, die schon Papiermühlen durchlaufen hatten, wurden aussortiert.

Nach dieser ersten Sichtung im Jahr 1990 blieben im Berliner Archiv der Zentralstelle und in den Außenstellen des BStU insgesamt ca. 16.000 Säcke mit zerrissenem Material erhalten.

Auftrag der beiden Projektgruppen

Die Rekonstruktion der zerrissenen Stasiunterlagen begann in den frühen Neunziger Jahren in den Außenstellen und in Berlin im Rahmen der sogenannten Sacksichtung. Intensiviert und professionalisiert wurde die Rekonstruktion ab Februar 1995. In Zirndorf (bei Nürnberg) wurden Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge unter Anleitung von drei Mitarbeitern des BStU mit dieser Aufgabe betraut. Sie begannen, sich Sack für Sack durch die Überlieferung zu arbeiten. So konnten sie bisher über 480 Säcke verarbeiten - gemeinsam mit den Kollegen und Kolleginnen einzelner BStU-Außenstellen, in denen weiterhin in kleinerem Maßstab an der manuellen Rekonstruktion gearbeitet wird. Das sind ca. 1,2 Millionen wieder zusammengesetzte Blätter.

Trotz dieses beachtlichen Erfolges betragen die zusammengesetzten Materialien nur 3 Prozent an der Gesamtzahl der zerrissenen Unterlagen. Hinzu kommt, dass einige Blätter so klein zerrissen sind, dass eine manuelle Rekonstruktion extrem viel Zeit in Anspruch nähme, soweit sie überhaupt möglich ist. Ein wesentlicher Auftrag des BStU ist es jedoch, den von der Verfolgung durch das MfS Betroffenen Zugang zu den gegen sie unrechtmäßig gesammelten Daten zu verschaffen (StUG § 1 Abs. 1 Nr. 1). Um dies in absehbarer Zeit zu ermöglichen, hat der Deutsche Bundestag mit überwältigender Mehrheit das Projekt ""Virtuelle Rekonstruktion zerrissener Stasi-Unterlagen" initiiert.

Nach einer europaweiten Ausschreibung wurde das Fraunhofer Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik (Fraunhofer IPK) in Berlin mit der Erstellung einer Machbarkeitsstudie betraut, die auch einen erfolgreichen Test im Labormaßstab beinhaltete. Aufgrund der Ergebnisse der Machbarkeitsstudie stellte der Deutsche Bundestag im Jahr 2007 die erforderlichen Haushaltsmittel für einen Forschungsauftrag bereit, um ein System zur virtuellen Rekonstruktion im automatisierten Betrieb zu entwickeln.

Dennoch wird die manuelle Rekonstruktion parallel weiter geführt. Ist ein Blatt nur ein- oder zweimal zerrissen worden, lässt es sich schneller von Hand wieder zusammensetzen, als es sich mittels des neu zu entwickelnden Programms wieder zugänglich machen ließe. Außerdem gewährleistet man auf diesem Weg die Wiederherstellung des Originals.

Ist der Zerstörungsgrad jedoch größer, wurde ein Blatt also in viele Teile zerrissen, wird nun in einem Pilotprojekt die virtuelle Rekonstruktion erprobt. Im Rahmen dieses Projektes soll der Inhalt aus 400 Säcken mit Hilfe einer Computer-Software gepuzzelt werden. Auf der Grundlage der aus diesem Test gewonnenen Erkenntnisse soll ein Vergleich zu der manuellen Rekonstruktion gezogen werden. Beabsichtigt ist es, in diesem weltweit einmaligen Projekt die Rekonstruktion und somit auch die Zugänglichkeit der zerrissenen Akten zu beschleunigen.

Teambesprechung bei den RekonstrukteurenTeambesprechung bei den Rekonstrukteuren Quelle: BStU

Derzeit wird das virtuelle Rekonstruktionsverfahren noch entwickelt. Der Fortschritt der Entwicklung wird in sogenannten Meilensteinen abgenommen. War eine Meilensteinprüfung erfolgreich, erhält das Fraunhofer IPK die nächste Tranche der vereinbarten Projektgelder. Auf diesem Weg wird verhindert, dass durch Verzögerungen die Kosten ins unermessliche steigen.

Die ursprünglich angesetzte Projektlaufzeit wurde zwar bereits deutlich überschritten, da die Komplexität des weltweit einmaligen Forschungsauftrags zu Beginn nicht in all seinen Verästelungen überblickt werden konnte. Doch das Verfahren "Virtuelle Rekonstruktion zerrissener Stasi-Unterlagen" ist inhaltlich weiter auf einem guten Weg. Das Fraunhofer IPK hat die bislang abgenommenen Meilensteine stets in der vertraglich geforderten Qualität abgeliefert, wenn auch, wie ausgeführt, zum Teil erheblich verspätet.

Den Abschluss des Forschungsvorhabens bildet ein Bericht an den Deutschen Bundestag, in dem die Ergebnisse der Entwicklung und die inhaltliche Auswertung der rekonstruierten Auswertung zusammengefasst werden sollen. Gefordert werden dafür belastbare Aussagen zur Machbarkeit, zum Prozessablauf im Realbetrieb sowie zu den Kosten eines möglichen Hauptverfahrens für die, bei erfolgreichem Abschluss des Pilotverfahrens, noch vorhandenen rund 15.500 Behältnisse (zumeist Säcke) mit zerrissenen Stasi-Unterlagen. Dieser Bericht ist für den Deutschen Bundestag die Entscheidungsgrundlage, ob und in welcher Größenordnung Mittel für eine virtuelle Rekonstruktion im Massenbetrieb bereitgestellt werden können.

(Stand 12.08.2014)

Ansprechpartner

Joachim Häußler
Leiter der Projektgruppe Virtuelle Rekonstruktion

Andreas Petter
Leiter der Projektgruppe Manuelle Rekonstruktion

Kontakt über die Pressestelle des BStU
Telefon: (030) 2324 - 7171
E-Mail: Presse@bstu.bund.de

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