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Rekonstruktion zerrissener Stasi-Unterlagen beim BStU

Anfang der 1990er Jahre begann der BStU, Unterlagen, die von Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit per Hand zerrissenen waren, zu rekonstruieren. Insgesamt fand sich dieses Material in 16.000 Säcken. In der manuellen Rekonstruktion sind seither bislang etwa 1,5 Millionen Blätter aus 500 Säcken zusammengesetzt und in das Archiv sortiert worden. Seit 2007 wird in einem Pilotprojekt ein Verfahren zu einer computergestützten Rekonstruktion entwickelt. In der Testphase seit Ende 2013 sind bislang rd. 60.000 Seiten aus 18 Säcken wieder zusammengesetzt worden. (Stand August 2016).

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Video-Dokumentation über die manuelle und virtuelle Rekonstruktion zerrissener Unterlagen des Ministeriums für StaatssicherheitQuelle: BStU

Ursprung

Warum gibt es zerrissene Stasi-Unterlagen?

Während der Friedlichen Revolution 1989/90 wurden zahlreiche Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) von den Mitarbeitern vernichtet. Sie folgten Vernichtungsbefehlen, die Spuren unrechtmäßigen Handelns und Personenidentitäten verwischen wollten, aber sie ließen auch Alltagsdokumentation des Ministeriums verschwinden. Unterlagen wurden zerschreddert, mit Wasser versetzt oder verbrannt. Viele Dokumente wurden zur weiteren Vernichtung vorab per Hand zerrissen und in Säcke gestopft. Mit der Besetzung der Stasi-Diensträume durch Bürgerinnen und Bürger ab Anfang Dezember 1989 wurde die Vernichtung von Material schrittweise gestoppt.

Wieviel Material wurde vernichtet?

Nach der befohlenen und von der Stasi selbst vollzogenen Zerstörung von Material im Herbst 1989 gab es in der ersten Hälfte des Jahres 1990 weitere Vernichtungen von Stasi-Unterlagen. Diesen wurde durch die politischen Gremien in der DDR (Runder Tisch und Übergangsregierung) nicht ohne Widerstand und Druck zugestimmt. Dazu gehören bspw. die Vernichtung der Akten der HV A, der Auslandsspionage des MfS, oder der Militärspionage bei der NVA, deren frühe Dokumente im Stasi-Archiv lagerten. Die Vernichtung von Karteibeständen der HA VI über Ein- und Ausreisen in die DDR hingegen entsprach allseits akzeptieren Datenschutzregelungen. Die genaue Größenordnung des vernichteten Materials durch die Stasi in 1989/1990 lässt sich bislang nicht seriös berechnen. Ein Forschungsprojekt beim BStU untersucht derzeit alle vorhandenen Quellen, um eine bessere Einschätzung zu ermöglichen.

Wie groß ist die Menge an von Hand zerrissenem Material?

Die Stasi hinterließ von Hand zerrissenes, aber noch verwertbares Material, das in rund 16.000 Säcken gelagert wurde. In jedem Sack liegen in etwa zwischen 2.500 bis 3.500 zerrissene Blätter in Schnipseln. Grob geschätzt gibt es noch ca. 400 bis 600 Millionen Schnipsel, die etwa 40 bis 55 Millionen Blätter ausmachen.

Konnte zerschreddertes Papier rekonstruiert werden?

Nein. In einigen weiteren Tausend Säcken befand sich 1990 auch enorm klein zerschreddertes Papier aus dem Reißwolf. Dieses Material wurde bereits 1991 nach Sichtung durch den BStU vernichtet. Es gibt daher kein von der Stasi zerschreddertes Papier mehr beim BStU.

Verfahren

Warum wird überhaupt rekonstruiert?

Im Stasi-Unterlagen-Gesetz ist festgeschrieben, dass der BStU die im Archiv befindlichen Unterlagen verwahrt, sichert und für die Nutzung bereitstellt. Zentrales Anliegen ist es, den von der Verfolgung durch die Stasi betroffenen Zugang zu den über sie gesammelten Daten zu verschaffen, aber auch generell anhand der Akten Aufklärung über die Vergangenheit zu ermöglichen. Zu diesen Akten gehören auch die zerrissenen Unterlagen. Ihre Rekonstruktion ist Teil des gesetzlichen Auftrags.

Weiß man, was in den Säcken für Inhalte liegen?

In einer ersten Inventur wurden die Säcke 1991/92 erfasst und gesichtet, das Ergebnis der Erfassung in der Berliner Zentrale ist im ersten Tätigkeitsbericht (Datei ist nicht barrierefrei  Erster Tätigkeitsbericht – 1993 (PDF, 2MB, Datei ist nicht barrierefrei)) nachzulesen. Seit 2008 wurden weitere Säcke dann sukzessive fein gesichtet, das heißt, zunächst nach formalen Kriterien (Registriernummern, Aktenzeichen oder Paginierungen) sortiert. Dann wurden sie auf inhaltliche Relevanz (Themen oder Hinweise auf Personen) geprüft. Abschließend wurde der Grad der Zerstörung dokumentiert. Rund 3.300 Säcke konnten bislang so feingesichtet werden. Die Erkenntnisse dienen der weiteren Auswahl von Säcken zur Rekonstruktion.

Wie werden Säcke für die Rekonstruktion ausgewählt?

Für die manuelle Rekonstruktion ist in erster Linie der Grad der Zerstörung entscheidend. Nur einfach oder zweifach zerrissene Seiten eignen sich für die manuelle Rekonstruktion. In zweiter Linie gelten dann die Kriterien, die auch für die Auswahl der Säcke für das Pilotprojekt zur virtuellen Rekonstruktion zugrunde gelegt wurden. Die Kriterien sind:

  1. Bedeutung der Diensteinheit. Für die Aufarbeitung des Wirkens des MfS mit Bezug zu Opfern sind die Diensteinheiten des "operativen Bereichs", also der Verfolgung, Beobachtung und "Zersetzung" von Personen und Institutionen besonders relevant.
  2. Das Lückenschluss-Prinzip, also die Berücksichtigung von zerrissenem Material aus Diensteinheiten, von denen wenig intaktes Schriftgut überliefert ist.
  3. Regionalgeschichte des MfS. Weil mehr als die Hälfte aller zerrissenen Unterlagen aus den ehemaligen Bezirksverwaltungen des MfS stammen, sollen regionale Themen entsprechend berücksichtigt werden.

Wie läuft die manuelle Rekonstruktion ab?

1995 wurde die Arbeit an zerrissenen Unterlagen in der Projektgruppe "Manuelle Rekonstruktion" gebündelt. Einfach und zweifach zerrissene Unterlagen werden im Prozess wie ein großes Puzzle ausgebreitet, kombiniert und sobald passend, fachgerecht zusammengeklebt. Die wieder hergestellten Seiten werden anschließend von Archivarinnen und Archivaren beim BStU erschlossen und ins Archiv sortiert. Das Personal für die zeitintensive Puzzlearbeit wurde Mitte der 90er Jahre überwiegend aus einer Kooperation mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Zirndorf (Bayern) rekrutiert. Angesichts der aktuellen Situation stellte der BStU die zuletzt noch vier abgeordneten Mitarbeiter des Bundesamtes sowie vier eigene, befristet eingestellte Mitarbeiter ab Anfang 2016 dem BAMF zur Verfügung. Seither wird in der Zentrale in Berlin und sowie der Außenstelle Frankfurt (Oder) manuell rekonstruiert.

Manuelle Rekonstruktion von Stasi-UnterlagenManuelle Rekonstruktion von Stasi-Unterlagen Quelle: BStU

Seit wann gibt es die virtuelle Rekonstruktion?

Das Pilotprojekt zur virtuellen Rekonstruktion startete 2007, nachdem in den Jahren zuvor eine Machbarkeitsstudie die Voraussetzungen geschaffen hatte. Der Bundestag bewilligte Mittel für die Entwicklung und den Test einer bis dato nicht existierenden Technologie. Die BStU vergab dazu einen Forschungsauftrag an das Fraunhofer Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik (Fraunhofer IPK) mit Sitz in Berlin-Charlottenburg. Im Jahr 2011bewilligte der Deutsche Bundestag zusätzliche Mittel, um Möglichkeiten der IT-gestützten Einsortierung größerer Mengen von Unterlagen ins Archiv zu prüfen.

Wie ist das Projekt virtuelle Rekonstruktion finanziert?

Der Bundestag bewilligte für das Pilotprojekt einmalig 6,3 Millionen Euro. Diese Summe war für den gesamten Zeitraum der Technikentwicklung und der Testphase mit der Zusammensetzung von Schnipseln aus genau 400 Säcken bestimmt. Die Planung sah für das Pilotprojekt acht "Meilensteine" mit jeweiliger Vergütung vor. Mit der Abnahme des siebten Meilensteins Ende 2013 hat der BStU die Funktionsfähigkeit der neu entwickelten Software bestätigt. Gleichzeitig wurde im Verlauf des Jahres 2014 das Projekt vom Fraunhofer IPK angehalten, da erkennbar ein Abschluss des ursprünglichen Projektplans, also des kompletten Puzzelns von 400 Säcken, mit der vorhandenen Technik nicht durchführbar war. Bis zu diesem Zeitpunkt waren Schnipsel aus 23 Säcken gescannt, die alle virtuell rekonstruiert werden.

Wie funktioniert die virtuelle Rekonstruktion?

Es gibt vier aufeinander aufbauende Arbeitsschritte:

Beispiel einer virtuell rekonstruierten Aktenseite.Beispiel einer virtuell rekonstruierten Aktenseite. Quelle: BStU

  1. Die Schnipsel werden beim BStU aus Säcken entnommen und das Material wird nach Papierfarben, Fotos, Schrifttypen in archivgerechte Boxen sortiert. Die Boxen werden mit Raster-Code-Aufkleber versehen, die Informationen zum Fundort und zur Schichtung im ursprünglichen Sack enthalten.
  2. Im Fraunhofer IPK wird jede Box entleert, und ein Scanner erstellt hochauflösende Abbildungen von jedem Schnipsel. Die Bilddateien werden mit den Raster-Code-Informationen, den Metadaten zum Schnipsel, abgespeichert.
  3. Im dritten Schritt arbeitet die Puzzle-Software, der "e-Puzzler", dann mit den digitalen Daten. Per Algorithmus gelingt es, anhand formaler Parameter der Schnipsel wie Farbe, Risskanten oder Schrift, aber auch den Metadaten aus den Raster-Codes die digitalen Informationen zusammen zu fügen und sie dann als zusammengesetzte Seiten abzubilden.
  4. Bei der abschließenden Qualitätssicherung wird am Bildschirm von Archivarinnen und Archivaren des BStU geprüft, ob die Software richtig gepuzzelt hat, also ob die Seiten korrekt zusammengesetzt und lesbar sind. Wenn die Software nicht sicher ist, entscheidet der Mensch am Bildschirm und "füttert" damit den lernenden Algorithmus. Bislang ist der Anteil der automatisch korrekt gepuzzelten Seiten im Verhältnis zu Seiten, die Assistenz brauchen, noch deutlich kleiner. Der Inhalt eines fertig rekonstruierten Sacks wird vom Fraunhofer IPK dem BStU auf einem Datenträger und als Papierausdruck übergeben.

Wie können die Unterlagen genutzt werden?

Die zusammen gesetzten Unterlagen werden von Archivarinnen und Archivaren beim BStU erfasst und dann mit dem vorhandenen Bestand abgeglichen. Aus einzelnen Seiten werden bei dieser Arbeit neue Akteneinheiten oder vorhandene Aktenzusammenhänge werden ergänzt. Die Unterlagen aus der Rekonstruktion stehen, sobald sie einsortiert sind, für thematische Anfragen den Nutzern zur Verfügung. Sie sind bei der Akteneinsicht oft an den Risskanten als zusammen gesetzte Seiten erkennbar. Bei den Findmitteln der Datenbank ARGUS kann über die Sucheingabe "mReko" auch nach rekonstruierten Unterlagen gesucht werden.

Inhalte der zusammen gesetzten Unterlagen

Was steht in den Dokumenten?

Das Material stammt aus allen vier Jahrzehnten der DDR. Eine Vielzahl von Unterlagen war bereits für die persönliche Schicksalsklärung und Rehabilitierung von Bürgerinnen und Bürgern hilfreich. In der manuellen Rekonstruktion konnten zum Beispiel Dokumente der Bespitzelung und Verfolgung prominenter DDR-Oppositioneller wie Jürgen Fuchs oder Robert Havemann und des regimekritischen Schriftstellers Stefan Heym wiederhergestellt werden. Auch die Zusammenarbeit verschiedener inoffizieller Mitarbeiter (IM) mit dem MfS wurde durch rekonstruierte Akten belegbar. Auch Einblicke in die Dopingpraxis des DDR-Sportes oder die Grenzabsicherung 1961 wurden möglich. Zu den prominenteren Funden gehören auch die rekonstruierten Unterlagen zur in der DDR untergetauchten RAF-Terroristin Silke Maier-Witt.
Bei den virtuell rekonstruierten Seiten wurden bislang viele Inhalte aus den späten 1980er Jahren zusammengesetzt. In den Dokumenten finden sich Pläne des MfS für den Verteidigungsfall, ein Untersuchungsvorgang zu einem Nazi-Kriegsverbrecher oder die Ausspähung der Friedensbewegungen in Ost und West. Dazu gehört auch eine umfangreiche Akten des Zuträgers IM "Schäfer", der in 1980er Jahre unter Oppositionellen aktiv war.

Der Abgleich rekonstruierter Unterlagen mit den bereits vorhandenen Akten des Stasi-Archivs lässt zudem Rückschlüsse auf die Methodik der Vernichtung der Geheimpolizei im Herbst 1989 zu.

  • Geschichten aus rekonstruierten Unterlagen:

    "Der beispiellose Freundesverrat eines erfolgreichen Theologen"

  • Giselher Spitzer, "Diskussion des Ergebnisses der Muster-Rekonstruktion von Stasi-Unterlagen", (ein Auszug aus der Studie von Johannes Weberling / Giselher Spitzer (Hrsg.), Virtuelle Rekonstruktion "vorvernichteter" Stasi – Unterlagen, 2007)

Stand der Rekonstruktion

Wie viel wurde bislang zusammengesetzt?

In 20 Jahren wurden mehr als 1,5 Millionen Blätter an Stasi-Unterlagen manuell zusammengesetzt. Das sind Materialien aus ca. 500 Säcken. Im Testverfahren der virtuellen Rekonstruktion ist bislang der Inhalt aus 18 Säcken (Stand August 2016) rekonstruiert worden, das sind etwa 60.000 Seiten.

Funktioniert das virtuelle Verfahren?

Das Fraunhofer IPK hat dem BStU im Oktober 2013 nachweisen können, dass der "e-Puzzler" funktioniert. Im Gesamtprozess hat sich der Scanner der Schnipsel jedoch als Hindernis erwiesen. Er ist nicht leistungsstark genug, um hunderttausende Schnipsel in einem überschaubaren Zeitraum automatisiert zu digitalisieren. Auch die Bildverarbeitung des Scanners ist nicht optimal. Schattenbildung und mangelnde Farbechtheit müssen nach dem Scannen aufwändig wieder herausgerechnet werden, um zum Erfolg zu kommen. Das erschwert das Verfahren.

Warum dauert das Entwickeln des Verfahrens so lange?

Das Verfahren zur virtuellen Rekonstruktion hat kein Vorbild und ist weltweit einzigartig. Es handelt sich um ein Forschungsprojekt, bei dem eine Technologie von Grund auf neu entwickelt wird. Der Prozess der Entwicklung der Technologie ist durch neue Erkenntnisse unterbrochen und entsprechend neu ausgerichtet worden. Das hat Zeit- und Finanzierungsplanungen gründlich verschoben.

Wo steht die Rekonstruktion jetzt?

Der Deutsche Bundestag hat dem BStU 2015 weitere Mittel in Höhe von zwei Millionen Euro zur Verfügung gestellt und damit ein Signal für die Fortführung des Projektes virtuelle Rekonstruktion gegeben. Mit diesen Mitteln soll eine Scantechnologie errichtet werden, die schneller und präziser als bisher in der Lage ist, Schnipsel zu digitalisieren. Auch der Algorithmus des ePuzzlers soll weiterentwickelt werden. Seither wird geprüft, wie eine Fortführung des Projektes mit vertretbarem Aufwand möglich ist. Es geht um ein leistungsfähiges und stabiles Verfahren für das virtuelle Zusammensetzen von Unterlagen. Vorrangiges Ziel für das Archiv ist es, durch Rekonstruktion Lücken zu schließen und vorhandene Aktenbestände zu ergänzen. Die manuelle Rekonstruktion von einfacher zerrissenen Unterlagen wird nach wie vor mit vorhandenen Personalkapazitäten durchgeführt.

Spurensuche - Bitte helfen Sie uns

In den Archiven des BStU lagern zahlreiche Bild- und Filmaufnahmen, denen der Kontext, die Datierung oder Ortsangaben fehlen. Deshalb brauchen wir Ihre Hilfe. Hier finden Sie unsere derzeitigen Suchbilder.

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ARGUS für MfS-Unterlagen

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