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„Im Westen Eier verschoben“

Rasch können kleine Leute zum Spielball großer gesellschaftlicher Umbrüche werden und tief in ihrer Existenz betroffen sein - manchmal dokumentiert eine dünne Kladde die ganze Dramatik der Geschehnisse. Aus der Akte: BStU, MfS, AP 3694/61.

Bericht des Geheimen Mitarbeiters. Zum Lesen des gesamten Dokuments bitte das Bild anklicken.Bericht des Geheimen Mitarbeiters Quelle: BStU, MfS, AP 3694/61, Bl. 3

Der bis zum Jahre 1969 bestehende „Untersuchungsausschuss freiheitlicher Juristen“ (UFJ) verstand sich als Verfechter für die Menschen- und Grundrechte der DDR-Bevölkerung. Seinen Sitz hatte der Ausschuss in Berlin-Marienfelde, also im amerikanischen Sektor. Er beriet diejenigen, die sich vom Rechtssystem der DDR benachteiligt fühlten, und prangerte die dort herrschenden Missstände an. DDR-Bewohner konnten die Beratungsstelle einfach erreichen, denn der innerstädtische Verkehr zwischen den West- und Ost-Sektoren Berlins ging bis zum Mauerbau am 13. August 1961 relativ ungehindert vonstatten. Reisende wurden nur gelegentlich kontrolliert.

Für die Machthaber in Ostberlin war die Arbeit des Untersuchungsausschusses ein steter Dorn im Auge. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) versuchte mit allen Mitteln, den Ruf des Ausschusses zu diskreditieren, seine Aktivitäten zu lähmen sowie Mitarbeiter und Besucher einzuschüchtern. Weil der UFJ seinen Sitz in Westberlin hatte, musste dies auf Umwegen geschehen. Um etwa DDR-Bürger zu identifizieren, die unerlaubterweise mit dem Ausschuss Kontakt aufnahmen, beobachteten Inoffizielle Mitarbeiter, damals noch Geheime Mitarbeiter (GM) genannt, die UFJ-Zentrale.

Die 2. Parteikonferenz der Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) hatte 1952 die Gründung von Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) beschlossen. Familie H. besaß im Brandenburgischen einen Bauernhof, den sie gerade in eine LPG eingebracht hatten. Das Land gehörte jedoch der Schwiegermutter von Herrn H. Diese hatte Bedenken und wollte nun wissen, ob sie den Eintritt in die LPG rückgängig machen könne. Das Ehepaar versprach, sich beim UFJ zu erkundigen. Dass die Rückfahrt im März 1960 ein jähes Ende finden würde, ahnten die beiden da noch nicht.
Die Eheleute wurden nämlich von einem der erwähnten GM in der Umgebung des Ausschusses beobachtet und auf ihrer Rückreise verfolgt.

Auszug aus dem Bericht über die Festnahme des Ehepaars H. Den Decknamen des Geheimen Mitarbeiters hat ein Stasi-Mitarbeiter geschwärzt.Auszug aus dem Bericht über die Festnahme des Ehepaars H. Quelle: BStU, MfS, AP 3694/61, Bl. 4

Als sie im U-Bahnhof Potsdamer Platz ankamen, also den sowjetischen Sektor wieder betraten, überstellte der Verfolger das Ehepaar der Transportpolizei (Trapo). Die Losung „Die beiden Personen haben im Westen Eier verschoben, sie wollen nun wieder in den Westen fahren, um evtl. weiter Eier zu verschieben“ (BStU, MfS, AP 3694/61, Bl. 3) verstand die Trapo sofort. Sie brachte das Ehepaar zur Dienststelle in der Friedrichstraße.

Dort wurden die beiden dann von MfS-Mitarbeitern verhört. Nach anfänglichem Leugnen gestand erst der Ehemann und wenig später auch seine Frau den ihnen zur Last gelegten Vorwurf der Kontaktaufnahme mit dem UFJ. Anschließend erläuterte Herr H. in einer vierseitigen handschriftlichen Erklärung die Gründe und den genauen Ablauf für den Besuch.

Die Staatssicherheit brachte die H.s sogar dazu, die „gute qualifizierte Arbeit“ des MfS anzuerkennen. Sie gelobten außerdem, dass sie „[…] ernsthaft gewillt sind, gemeinsam mit den anderen LPG-Mitgliedern eine gute LPG aufzubauen“ (BStU, MfS, AP 3694/61, Bl. 6). Ihre Beteuerungen konnten sie den Mitarbeitern des MfS offenbar glaubhaft machen. Jedenfalls erhielten die Eheleute die Zusicherung, dass sie bei vollem Einsatz für das Wohl der LPG keine Strafe zu erwarten hätten. Abschließend bat Herr H. noch darum, dass in seinem Heimatort nichts über seinen „begangenen Fehler“ - also den verbotenen Besuch beim UFJ - bekannt würde, da er dort sehr gut angesehen sei.

Tatsächlich war die Reue aber nur vorgetäuscht. Wenige Seiten später findet sich in der Akte ein Vermerk vom April 1960, dass Herr H. „[…] vor reichlich 14 Tagen republikflüchtig wurde“. Ferner lässt sich dort lesen, dass er vor seiner Flucht sämtliche Habseligkeiten verkauft hatte bzw. schon vorab unbemerkt nach Berlin hatte schaffen lassen. Außerdem seien aus dem Ort vor Herrn H. bereits „[…] weitere 8 Bauern flüchtig geworden. Fast alle seien Verwandte bzw. gute Bekannte […]“ gewesen (BStU, MfS, AP 3694/61, Bl. 17). Erhalten haben sich in der aus 18 Blatt bestehenden Akte auch die als Beweis ordentlich eingeklebten Fahrscheine des Ehepaars von und nach Berlin-Marienfelde.

Der Fall zeigt nicht nur die Auswirkungen der Zwangskollektivierung auf die betroffenen Bauern. Er veranschaulicht auch, wie der Staatssicherheitsdienst seine Aktivitäten selbst auf die in Westberlin ansässigen Einrichtungen ausgedehnt hatte.


Geschwärzte Decknamen

Wenn die Tätigkeit eines GM oder IM intern verschleiert werden sollte, machte der Staatssicherheitsdienst den Decknamen unkenntlich. In dieser Akte wurde er unter dem Bericht des GM ausgeschnitten. In dem oben abgebildeten zweiten Bericht vom 12. März 1960, in dem der Deckname im Text genannt wird, schwärzte die Stasi den Decknamen. Deshalb fiel die Akte den Mitarbeitern der Stasi-Unterlagen-Behörde auf. Selbst wenn der Deckname unkenntlich gemacht wurde, sind die Karteikarten zum inoffiziellen Mitarbeiter dennoch oft erhalten. Ist der Deckname also erst einmal bekannt, kann in der Regel auch die wahre Identität geklärt werden.

Die Behörde des Bundesbeauftragten versucht daher Schwärzungen in Akten rückgängig zu machen beziehungsweise darunterliegende Texte/Namen wieder herzustellen. Betroffene, die in ihren Akten Berichte mit unkenntlich gemachten Decknamen finden, haben Dank der Zusammenarbeit des Bundesbeauftragten mit der Kriminaltechnik des Landeskriminalamts Berlin die Chance auf eine erfolgreiche Decknamenentschlüsselung. Die Kriminaltechniker können geschwärzte Stellen häufig mit spektralselektiven Untersuchungen – also Bestrahlung mit Licht verschiedener Wellenlängen – wieder sichtbar machen. So auch beim vorliegenden Fall.

Fabian Seidlitz, Stephan Wolf (BStU-Archiv)

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