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Das MfS und der ungesühnte Mord an Ernst Thälmann

Wie substanzlos der offiziell gepflegte Antifaschismus der DDR gelegentlich sein konnte, zeigt das Beispiel des früheren SS-Obersturmführers Erich Gust.

Der zweite Schutzhaftlagerführer des Konzentrationslagers (KZ) Buchenwald war wahrscheinlich 1944 an der Erschießung des Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), Ernst Thälmann, beteiligt. Dieser Erich Gust lebte mit Wissen der DDR-Staatssicherheit jahrelang in der Bundesrepublik unter dem falschen Namen Erich Giese.

Gust stand auf der internationalen Fahndungsliste für NS-Kriegsverbrecher und war auch in der Bundesrepublik zur Fahndung ausgeschrieben. Im Gegensatz zu den bundesdeutschen Ermittlungsbehörden hatte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) Gust schon 1969 ausfindig gemacht.

In anderen Fällen hat es Dokumente zum Zwecke der Strafverfolgung an die Bundesrepublik übergeben oder Informationen über Nationalsozialisten in der BRD in die Öffentlichkeit gebracht um die Bundesrepublik anzuprangern. Zwar wurde beides auch hier erwogen, doch geschah über zwanzig Jahre lang bis zum Ende der DDR gar nichts. Es wurde nur hin und wieder überprüft und festgestellt, dass Gust noch lebt und unter derselben Anschrift ansässig ist.

Warum das MfS ausgerechnet diesen Mann deckte, bleibt rätselhaft, weil Ernst Thälmann in der DDR eine Identifikations- und Traditionsfigur war. Nach ihm waren Straßen, Plätze und sogar die Pionierorganisation benannt. Die Akten schweigen über die Gründe.

So klar es ist, dass das MfS über Gust Bescheid wusste, so unklar ist, wer von den politisch Verantwortlichen der DDR-Staatsführung, außer Erich Mielke, noch davon Kenntnis hatte. Die Folgen waren jedenfalls fatal. Gust starb 1992, nachdem er mit Hilfe der MfS-Unterlagen enttarnt, aber bevor ihm der Prozess gemacht werden konnte. So blieb er als Einziger der vermutlich am Thälmann-Mord Beteiligten gänzlich unbehelligt. Damit bleibt der ungesühnte Thälmann-Mord ein Stück verpasster Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit.

Die Karteikarte von Erich Gust

Zu sehen ist eine Karteikarte (Vorder- und Rückseite) der MfS-Hauptabteilung IX/11 (HA IX/11), die für die Aufklärung von Nazi- und Kriegsverbrechen zuständig war. Die Karte enthält alle wichtigen Informationen zu Gust – Name, falscher Name, Wohnanschrift, SS-Dienstgrad.

Vorderseite der Karteikarte von Erich GustVorderseite der Karteikarte von Erich Gust Quelle: BStU, MfS, HA IX/11, Gust, Erich

Rückseite der Karteikarte von Erich GustRückseite der Karteikarte von Erich Gust Quelle: BStU, MfS, HA IX/11, Gust, Erich

Das ihm zur Last gelegte Verbrechen, die Ermordung Ernst Thälmanns, war auf einer zweiten Karteikarte, die zu seinem falschen Namen Erich Giese angelegt wurde, vermerkt. Des Weiteren verweist die Karte auf Akten, die das MfS zum Thema führte. Dazu gehört ein Untersuchungsvorgang (UV), der zu einem Zentralen Untersuchungsvorgang (ZUV) wurde. Das ist eine Vorgangsart, die es nur zur Klärung von Nazi- und Kriegsverbrechen gab. Außerdem verweist sie auf die Bearbeitung verschiedener Rechtshilfeersuchen (RHE) der Bundesrepublik.

Unter Punkt 12 ist eine Anfrage des KGB vermerkt. Der Ausdruck "Freunde" stand im MfS für den KGB, während er in der DDR-Umgangssprache allgemein die Angehörigen der sowjetischen Besatzungsmacht meinte.

Quellen und Literatur

  • BStU, MfS, HA IX/11, ZUV20.
  • BStU, MfS, HA IX/11, RHE 9/62.
  • Warkentin, Falco: Politische Strafjustiz in der Ära Ulbricht. 1. Aufl. Berlin 1995.
  • Leide, Henry: NS-Verbrecher und Staatssicherheit. Die geheime Vergangenheitspolitik der DDR. Göttingen 2005.
  • "Wer Nazi war bestimmen wir", http://www.spiegel.de/ (letzter Zugriff: 16.12.2011).
  • Hecht, Jochen: Unterlagen zu verurteilten der Sowjetischen Militärtribunale (SMT) in den Archiven der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR

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