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Skelettfunde in der Untersuchungshaftanstalt Suhl

Das im Jahr 1860 erbaute Suhler Stadtgefängnis diente seit 1953 der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit als Untersuchungshaftanstalt. Davor hatten es unter anderem die Gestapo und die sowjetische Staatspolizei (NKWD) als Gerichtsgefängnis genutzt. Die Nutzung eines Gefängnisses unter wechselnden Diktaturen ist nichts Ungewöhnliches. Herausragend ist in diesem Fall jedoch der Fund von menschlichen Skeletten in den 1970er Jahren, der eine Verbindung zwischen den Diktaturen herstellt. Aus der Akte: BStU, MfS, BV Suhl, AS 19/82.

Auszug aus dem Abschlussbericht zu den Knochenfunden in der Untersuchungshaftanstalt Suhl.Abschlussbericht zu den Knochenfunden in der Untersuchungshaftanstalt Suhl. Quelle: BStU, MfS, BV Suhl, AS19/82

Bei Schachtarbeiten nahe der nördlichen Begrenzungsmauer der Untersuchungshaftanstalt (UHA) Suhl stießen Häftlinge des Arbeitskommandos am 1. Juli 1970 auf Knochenreste, die schnell als zwei menschliche Skelette identifiziert werden konnten. Drei Jahre später, am 28. April 1973, kam es nahe der Garagen zu einem weiteren Fund menschlicher Skelettteile.

In beiden Fällen übernahmen Mitarbeiter der Spezialkommission (SK) aus der Abteilung IX, dem Untersuchungsorgan des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), die weitere Sicherung der Knochenfunde. Untersuchungen zeigten, dass es sich beim ersten Fund um zwei weibliche Skelette, beim späteren um ein männliches Skelett handelte. An allen Schädeln waren Kopfschussverletzungen festgestellt worden. Die Gerichtsmediziner begrenzten die Liegezeit auf einen Zeitraum von etwa 25 bis 30 Jahren. Demnach sind die Opfer zwischen 1940 und 1945 auf dem Gelände des damaligen Gestapogefängnisses vergraben worden.

Zur Aufklärung des Falles und der Identifikation der Skelette betrieb das MfS einigen Aufwand. Die Stasi-Mitarbeiter arbeiteten alle vorhandenen Archivmaterialien in Weimar, Jena, Meiningen und Suhl sowie die vorhandenen Materialien aus den Speichern des MfS durch und werteten sie aus. Zudem befragten sie ehemalige Gefängnisinsassen sowie einen früheren Angehörigen des Wachpersonals. Der Staatssicherheitsdienst führte „weitere umfangreiche Untersuchungs- und Überprüfungshandlungen“ durch, die aber in der Akte nicht näher beschrieben sind.

Die Vermutung, dass es sich um einen sowjetischen Kriegsgefangenen beziehungsweise zwei sowjetische Fremdarbeiterinnen handelte, ließ sich nicht bestätigen. Letztlich kam die Sonderkommission trotz umfassender Maßnahmen in diesem Fall zu keinem Ergebnis; weder was die Identität der Opfer, noch die näheren Umstände oder den genauen Zeitraum ihres Todes betraf. Deshalb schloss der Staatssicherheitsdienst im Juli 1975 die Untersuchungen ab. Über den weiteren Verbleib der Knochenreste ist nichts bekannt.

Ganz erfolglos war die Untersuchung dieses Falles aus Sicht des MfS allerdings nicht. Es fanden sich bei den Archivrecherchen „umfangreiche Materialien zu operativ interessanten Personen“, die durch die zuständigen operativen Diensteinheiten weiterbearbeitet wurden. „Interessant“ waren in diesem Fall Personen, die während des NS-Regimes bei der Gestapo beziehungsweise in nationalsozialistischen Organisationen tätig waren.

Sandy Apelt (BStU-Außenstelle Suhl)

Zum Thema: Bestandsinformationen über die Abteilung IX der Bezirksverwaltung Suhl

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