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Grenztruppen täuschen Westpresse

Die Stasi fürchtete nicht nur Meldungen über Maueropfer in den Westmedien, sondern provozierte sie auch. So berichtete die Bild-Zeitung im September 1969 über einen gescheiterten Grenzdurchbruch und spielte so unfreiwillig der Stasi zu. (Aus der Akte: BStU, MfS, ZAIG, Nr. 10707).

Unter dem Titel "Flucht misslungen" brachte die Bild-Zeitung am 26. September 1969 eine Meldung. Darin wurde kurz geschildert, was sich zwei Tage zuvor an der grünen Grenze bei Ratzeburg angeblich abgespielt hatte. Ein Flüchtling hatte eine Minendetonation ausgelöst, verwundet um Hilfe gerufen und war von Grenztruppenangehörigen abtransportiert worden. Es war eine Meldung unter vielen dieser Art. Sie entsprach dem selbst gewählten Auftrag, den Westdeutschen ins Bewusstsein zu rufen, dass einige Menschen lieber das Risiko der Flucht auf sich nahmen, als weiterhin unter der Diktatur des "Arbeiter- und Bauernstaats" zu leiden.

Den Zeitungs-Redakteuren in Hamburg war in diesem Fall sicher nicht bewusst, dass sie mit ihrer Nachricht genau das taten, was sich der Kommandeur des DDR-Grenzregimentes 6 "Hans Kollwitz" seinerzeit erhofft hatte. Sein Ziel war es "Diskussionen unter der Bevölkerung über die Unwirksamkeit der Minensperre" entgegenwirken. Der von westlicher Seite beobachtete Fluchtversuch war in Wahrheit ein minutiös geplantes Täuschungsmanöver. Das zeigt ein im vergangenen Jahr aufgefundener interner Bericht der für die DDR-Streitkräfte zuständigen Hauptabteilung I an die Abteilung Agitation:

Internes Schreiben zum inszenierten GrenzdurchbruchInternes Schreiben zum inszenierten Grenzdurchbruch Quelle: BStU, MfS, ZAIG Nr. 10707

Die innerdeutsche Grenze war, anders als Westberlin, nicht durchgängig durch eine Mauer gesichert, sondern vorrangig durch Zäune, Minenfelder oder Selbstschussanlagen. Diese wirkten aber auf den ersten Blick weniger abschreckend. Um Fluchtversuche zu verhindern, musste die Bedrohung beziehungsweise die Funktionsfähigkeit der Sperranlagen medienwirksam unter Beweis gestellt werden.

Die am 24. September 1969 in einem schwer einzusehenden Gebiet durchgeführte Aktion beinhaltete laut Bericht "die Detonation von zwei Knallkörpern […], Hilferufe, den Einsatz einer Alarmglocke [und] imitierte Handlungen zur Bergung". Die Aktion leitete ein Stabsoffizier des Grenzregiments. Außerdem kamen fünf Offiziere, ein Unteroffizier, sechs Soldaten und ein Krankenwagen zum Einsatz.

Drei Tage später war in der Bild-Zeitung zu lesen, dass die innerdeutsche Grenze bei Ratzeburg ein weiteres Opfer gefordert hatte. Entsprechende Gerüchte fanden rasch östlich der Grenze Verbreitung. Das Ziel war erreicht, der Grenzabschnitt galt - zumindest vorerst - als unüberwindbar.

Todesopfer an der innerdeutschen Grenze

Nach Angaben der Berliner Staatsanwaltschaft kamen bis 1989 nachweislich 270 Menschen an der innerdeutschen Grenze, einschließlich der Berliner Mauer, ums Leben. Die Zentrale Ermittlungsgruppe für Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV) zählt 421 Verdachtsfälle auf Tötungen durch das Grenzregime. Andere Zählungen kommen auf höhere Todeszahlen, unter anderem deshalb, weil der Opferbegriff breiter gefasst wurde. Das Mauermuseum am Checkpoint Charlie veröffentlichte im Jahr 2010 die Zahl von 1393 Toten an der innerdeutschen Grenze im Zeitraum 1949 – 1989 und geht dabei von einem sehr weiten Opferbegriff aus. In dieser Zahl enthalten sind unter anderem auch in der Ostsee Ertrunkene, Selbstmorde und Unfälle mit Todesfolge an der Grenze.

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