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Fehlgeschlagene IM-Anwerbungen

Von Dekonspiration bis zu offener Kritik

Der Staatssicherheitsdienst verfügte im letzten Jahr seines Bestehens über ein weit gespanntes Bespitzelungsnetz von etwa 180.000 Inoffizielle Mitarbeiter. Dennoch widerstanden zahlreiche Menschen den Anwerbungsversuchen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Dabei konnten sie nicht wissen, welche Folgen ihre Weigerung haben würde.

Ausschnitt aus dem Bericht über "Johanna"Ausschnitt aus dem Bericht über "Johanna" Quelle: BStU, MfS, AIM, Nr. 542/82

Um sich einer Zusammenarbeit mit dem MfS zu entziehen, gab es verschiedene Strategien. Manche wichen den Werbeversuchen aus. Andere "dekonspirierten" sich ganz bewusst. Das heißt, sie brachen das ihnen von der Stasi auferlegte Schweigen und berichteten einer anderen Person von der Kontaktaufnahme der Geheimpolizei. Damit wurden diese IM-Kandidaten für den Staatssicherheitsdienst wertlos. Einige verweigerten die Zusammenarbeit mit der Stasi ganz offen und widerstanden mutig allen Drohgebärden.

Zwei Beispiele veranschaulichen, wie eine Verweigerung aussehen konnte.

IM-Vorlauf "Peter"

Die Stasi versuchte einen jungen Mann für eine Zusammenarbeit mit der Spionageabwehr in Karl-Marx-Stadt zu gewinnen. Nach vier Treffen erklärte er, dass er die DDR weder unterstützen noch aktiv bekämpfen wolle. Für seine Ablehnung führte er politische Gründe an. Mit vielen Entwicklungen und Problemen, wie etwa den Reisebeschränkungen und der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968, sei er nicht einverstanden.

Diese offene Kritik führte dazu, dass er von der Stasi schriftlich entpflichtet und zum Schweigen über die Kontaktaufnahme verpflichtet wurde. Der Mann sollte aufgrund seiner Äußerungen in der Zentralen Personendatenbank der Geheimpolizei (ZPDB/ V) erfasst und die zuständige Abteilung XVIII (Sicherung der Volkswirtschaft) sollte informiert werden. War er zuvor noch Kandidat für die Zusammenarbeit mit der Stasi, machte ihn seine Ablehnungsbegründung nun verdächtig.

Dokument: Abschlussbericht zum IM-Vorlauf "Peter"

IM-Kandidatin "Johanna"

Die IM-Kandidatin "Johanna" wurde von einem Inoffiziellen Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes als Auskunftsperson vorgeschlagen. Sie war in ihrem Wohnhaus für das Hausbuch zuständig und hatte somit einen Überblick über die Mieter und viele Besucher. Zunächst gab sie bereitwillig Auskunft über eine benachbarte Familie.

In einem zweiten Gespräch einen Monat später erwähnte sie, dass sie diese Familie über das Gespräch mit der Staatssicherheit informiert hatte. Als Grund für ihr Handeln nannte sie moralische Bedenken: Man müsse gegenüber jedem Menschen offen und ehrlich sein und dürfe keine Geheimnisse haben. Damit war "Johanna" für einen Einsatz als Inoffizieller Mitarbeiter nicht mehr zu gebrauchen. Die Akte, der sogenannte IM-Vorlauf, wurde geschlossen und archiviert.

Dokument: Bericht über Kontaktgespräch mit "Johanna"

ARGUS für MfS-Unterlagen

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